Das Gesundheitssystem steht vor der Pleite

Autor: Dr. Drews

Wir haben in den letzten Jahren über unsere Verhältnisse gelebt und einen lieb gewonnenen Lebensstandard zunehmend auf Pump finanziert. Und man kann es der nachfolgenden Generation nicht zumuten, diesen Lebensstandard durch eine unerträgliche Steuerlast zu finanzieren!“

So klang es bis zur augenblicklichen Finanzkrise mahnend. So weit, so schlecht! Ich habe allerdings noch nie das ehrliche Politikergeständnis gehört, dass etwa als Folge der Globalisierung ein bei uns wie selbstverständlich akzeptierter Lebensstandard nicht für alle Ewigkeiten steigerbar, vielleicht nicht einmal für alle Teile der Bevölkerung auf dem jetzigen Niveau zu halten ist. Deshalb wird wohl in der nahen Zukunft eine neue Bescheidenheit nicht zu vermeiden sein. Eine solche klare Aussage würde ich mir auch einmal für das Gesundheitssystem wünschen, aber die Politik gaukelt den Patienten immer noch ein Schlaraffenland vor, das längst nicht mehr finanzierbar ist.

Mit dem neuen EBM wird es nicht besser

Eine Medizin, die jedem Bürger eine Spitzenbetreuung garantiert, wurde in den letzten Jahren nur noch dadurch aufrechterhalten, dass Ärzte und Pflegepersonal in den Krankenhäusern bis an die Grenzen der Erschöpfung arbeiteten und die niedergelassene Vertragsärzteschaft die letzten Wochen eines Quartals zum Nulltarif schuftete. Und hieran wird auch ein neuer EBM 2009 nichts Wesentliches ändern! Dass dies nicht auf ewig so weitergehen kann, zeigt der drohende Hausärztemangel wie der überall aus Frustration angedachte, aber wohl zurzeit absolut unrealistische Ausstieg aus dem KV-System.

Grundversorgung statt Luxusmedizin für alle

Dabei haben wir auf dem medikamentösen Sektor längst eine Ratio-nierung und eine für alle sichtbare Zweiklassenmedizin, die nur noch nicht im Bewusstsein der Patienten und unserer Politiker angekommen ist. Wenn wir niedergelassenen Vertragsärzte die Erkenntnisse einer evidenzbasierten Medizin auf Gebieten wie etwa Osteoporosediagnostik und -therapie, Alzheimerbehandlung, Thromboseprophylaxe bei bettlägerigen Alterspatienten, Diabetes- und Hypertonietherapie usw. im Praxisalltag wirklich konsequent umsetzen und auch alle bislang unentdeckten Patienten behandeln würden, wäre dieses System bereits nach wenigen Quartalen restlos pleite. So dürfte es  nur noch eine Frage der Zeit sein, bis dieses Gesundheitssystem trotz aller Patientenzuzahlungen und Gesundheitsreformen-Flickschusterei endgültig explodiert oder eine neue Bescheidenheit eingefordert werden muss!

 Das bisher bewährte Solidarprinzip dürfte bei einer Spitzenmedizin für eine immer älter werdende Bevölkerung mittelfristig restlos überfordert sein. Wir haben nach Meinung der Politiker in den letzten Jahren über unsere Verhältnisse gelebt und tun dies immer noch. Eine neue Bescheidenheit wird auch im Gesundheitssystem wohl unvermeidbar sein. Die Diskussion um eine bezahlbare Basismedizin für jeden Bürger und eine individuelle Zusatzmedizin für Patienten mit freiwilliger Zusatzversicherung wird schon bald wieder aufflackern müssen. Ob Politiker den Mut aufbringen, diese Wahrheit unseren verwöhnten Patienten beizubringen? Wenn ich sehe, mit welcher Selbstverständlichkeit immer noch Luxusmedizin eingefordert wird, dann frage ich mich oftmals, wann endlich die Politik unseren Patienten die Wahrheit sagen will?