Ein Abschied auf Raten

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Ist kein fachlicher „Blumentopf“ mehr zu gewinnen, kommt es auf Menschlichkeit an. © fotolia/Andrey Popov

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Hausarzt sein bedeutet auch Betreuung bis zum Ende. 

Ich kenne sie seit über 25 Jahren. Kurz nach Eröffnung meiner Praxis wurde ich zu ihr zum Hausbesuch gerufen. Sie war damals eine Frau in den sogenannten besten, also mittleren Jahren und hatte eine schwere fieberhafte Bronchitis, die drohte, sich zu einer Pneumonie zu entwickeln. Ein für sie ungewohnt schwerer Infekt, wie er manchmal in dieser Lebensphase auftritt, und uns, Ärzte und Patienten, daran erinnert, dass das Leben endlich ist. Ab einem gewissen Alter ist Gesundheit eben keine Selbstverständlichkeit mehr. „Ü40 halt“, würden meine U30-Kinder schnoddrig bemerken.

Natürlich wurde meine Patientin wieder gesund und lebte mit ihrem Mann und ihren fast erwachsenen Kindern in einem schönen großen Haus am Stadtrand. Doch dann starb ihr Mann kurz vor seinem 70. Geburtstag, die Kinder gingen aus dem Haus, in den Beruf, gründeten selbst eine Familie. Sie war allein.

Der sich einstellenden Hypertonie maß sie nicht viel Bedeutung bei. Die damals noch Compliance genannte Adhärenz war mäßig. Nach dem plötzlichen Tod ihrer jüngeren Schwester tauchte sie dann doch mal zu einer Vorsorgeuntersuchung auf. Dabei stellte sich eine deutliche Niereninsuffizienz heraus, die wir, d.h. der kooperative Nephrologe und ich, gut in „Schach“ halten konnten. Jahrelang gelang es, die Progredienz hinauszuzögern.

Ihre Ausreden wären eine Extra-Kolumne wert

Nun, im Alter von über 80 Jahren, schreitet ihre Niereninsuffizienz voran, trotz aller vorsichtigen Bemühungen. Die vom Nephrologen angesprochene Dialyse lehnt die Patientin ab. Ich kann sie gut verstehen: Sie ist durch die Ödeme und die Herzinsuffizienz in ihrer Mobilität stark eingeschränkt, zu den Treffen mit den Jahrgangskollegen oder den Freundinnen kann sie nicht mehr gehen oder fahren. Zu Besuch kommen die Kinder nur gelegentlich.

Nach einem Sturz mit Fraktur eines Brustwirbels bedeutet längeres Stehen oder auch Sitzen auf Stühlen mit harter Lehne Schmerzen. Wegen ihrer eingeschränkten Nierenfunktion will sie keine Schmerzmittel einnehmen. Auch mit gutem Zureden und pharmakologischen Argumenten nicht.

Alleine wohnt die alte Dame mittlerweile nicht mehr. Die Familie hat eine osteuropäische Pflegerin organisiert, die leider nur sehr bruchstückhaft deutsch versteht und spricht, dafür aber ausgezeichnet kocht. Meine Patientin genießt das Versorgt-Werden und nimmt kräftig an Gewicht zu.

Doch sie wird sehr vergesslich, wiederholt sich ständig in Gesprächen. Sie ging auch mal nachts verwirrt auf die Straße, was einen panikartigen Anruf der Pflegerin bei mir und einer der Töchter zur Folge hatte. Es gelang uns, die Patientin wieder zur Rückkehr in ihr Haus zu bewegen. Ihre Entschuldigungen und Ausreden wären eine Extra-Kolumne wert – ja, dumm war sie noch nie!

Und so werde ich sie weiter begleiten, auch wenn die medizinische Behandlung mehr eine soziale Unterstützungstätigkeit geworden ist. Ist kein fachlicher „Blumentopf“ mehr zu gewinnen und kommt es auf Menschlichkeit an, dann stehen wir Hausärzte eben auch bereit. Selbst wenn so ein Abschied auf Raten einfach nur sehr traurig ist.