Missbrauch in der Arzt-Patienten-Beziehung

Gesundheitspolitik Autor: Anke Thomas

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Missbrauch und Grenzüberschreitung in der ärztlichen Behandlung: Eine neue Ombudsstelle stellt großen Beratungsbedarf fest, aber zurzeit wenig konkrete Vorfälle.

Im März hat die Landesärztekammer Hessen eine Ombudsstelle für Grenzüberschreitungen und Missbrauch in ärztlichen Behandlungen eingerichtet. Nach zwei Monaten konstatiert Ombudsmann Dr. Meinhard Korte: Ein klarer Missbrauch des Arzt-Patienten-Verhältnisses war bisher kaum festzustellen; der Gesprächsbedarf ist dennoch hoch.

Missbrauch ist ein starkes Wort und in Verbindung mit einer ärztlichen Behandlung wiegt es gleich doppelt schwer. So verwundert es nicht, dass das Interesse der Publikumspresse an der neuen Beratungsstelle groß ist, obwohl in den rund 25 bearbeiteten Fällen bisher kaum Missbrauch festzustellen war.

Viele Patienten wollen einfach angehört werden

Vielmehr haben sich Patienten z.B. darüber beschwert, dass der Arzt sie nicht ernst genommen habe oder sie einen Behandlungsfehler vermuteten, so Dr. Korte, Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Allgemeinmedizin. Oft reiche es schon, wenn Patienten die Gelegenheit erhalten, ihre Erfahrungen zu schildern, erklärt Ombudsmann Dr. Korte, der diese Stelle derzeit ehrenamtlich ausfüllt.

Dass Patienten Ärzte missbrauchen kommt eher selten vor. Beispielhaft nennt Dr. Korte einen Psychotherapeuten, den seine Patientin wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt hatte – nachdem er den Wunsch der Patientin nach einer privaten Beziehung abgelehnt hatte. Das Verfahren endete nach drei Instanzen mit einem Freispruch für den Arzt, der natürlich stark unter den Belas­tungen des Verfahrens und der falschen Anschuldigung gelitten hatte.

Die Feststellung, ob ein Missbrauch oder eine Grenzüberschreitung tatsächlich vorliegt, könne nur im Einzelfall entschieden werden. Die Grenzen zwischen Unachtsamkeit aus Unkenntnis oder Unerfahrenheit bis hin zu mehr oder weniger bewusstem Ausnutzen von Macht seien fließend. Auch die Vorstellungen darüber, was angemessene Grenzen sind, was in einer Arzt-Patienten-Beziehung erlaubt und passend ist, seien individuell.

Fortbildungen zum Thema Missbrauch 

Hier möchte Dr. Korte Patienten und Ärzten ein vertrauensvoller Ansprechpartner sein. Damit Patienten nicht das Gefühl der Ohnmacht mit sich herumtragen müssen, rät er im Zweifelsfall auch dazu, juristischen Rat einzuholen oder einen Anwalt einzuschalten. Mitunter nimmt Dr. Korte Kontakt zum beschuldigten Arzt auf oder lädt Patient und Arzt zum gemeinsamen Gespräch ein, um Vorwürfe aus der Welt zu räumen, Missverständnisse zu klären oder Ratschläge zu erteilen.

Nach den Berichterstattungen zur neuen Ombudsstelle in der Publikumspresse ist die Nachfrage nach Beratungen so gestiegen, dass Dr. Korte alle Hände voll zu tun hat. Für die Zukunft ist geplant, bei der Landesärztekammer Hessen auch Fortbildungen zu dem Thema anzubieten.