Stress! Und wer schreibt mich krank?

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Tag ein Tag aus kommen hunderte Patienten in die Praxis und bekommen ebenso viele gute Ratschläge. Aber warum befolgt man nicht seine eigenen, fragt sich MT-Kolumnistin Dr. Cornelia Tauber-Bachmann.

Was haben Sie sich für 2014 vorgenommen? So das Übliche? Mehr Sport treiben, öfter an die frische Luft gehen, weniger und gesünder essen, mehr medizinische Fachliteratur anstatt Unterhaltungsromane und Krimis lesen? Und jede Woche Buchführung machen, regelmäßige Praxisbesprechungen einführen oder endlich mal ein betriebswirtschaftliches Seminar besuchen, um bei all den finanziellen Wirrungen in der Praxis besser durchzublicken?


Tja, natürlich hatte auch ich gute Vorsätze im Kopf. Leider muss ich zugeben, dass die nicht einmal in den ersten Wochen des neuen Jahres realisiert wurden – nicht einmal einen vielversprechenden Start habe ich hingekriegt. So meldete sich gleich nach dem Jahreswechsel meine Praxis-Vollzeithelferin krank und ich musste mit der Halbtagskraft den ersten Ansturm bewältigen. Das klappte zwar ganz leidlich. Aber vieles blieb halt auch liegen, dauerte länger oder hing an mir, weil die Halbtagshelferin manche organisatorischen Dinge einfach nicht wusste.


Übertroffen wurde all das noch bei mir zu Hause: Meine Haushaltshilfe hatte ihren Urlaub über die Feiertage dazu genutzt, ihre gesamte Verwandtschaft zu beherbergen und war danach völlig geschafft. Nicht unverständlich, dass sie nach einem Tag im Dienst krank wurde. Unter Hinterlassung eines „gelben Zettels“, einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung für zwei Wochen, natürlich. So saß ich nun da mit voller Praxis, vollen Wäschekörben dank zahlreicher Übernachtungsbesuche von lieben Studentenkindern, Patenkindern und Freunden und mit eingeschmuddelter Küche von den gemeinsamen „Kochereien“. Vom Rest der Wohnung will ich lieber schweigen.

»Alle nützen den gelben Zettel, nur ich schufte wie verrückt«

Und zu alledem stand in der Praxis erwartungsvoll eine neue Studentin zwecks Blockpraktikum. Ich begrüße sie und frage: „Was erwarten Sie sich von Ihrem Praktikum in der Allgemeinmedizin?“ Nach der langen Unizeit möchte sie jetzt gerne einmal das Leben an der medizinischen Basis kennenlernen, so ihre Antwort. Das kann sie haben!


Gleich der erste Patient will nur eine Bescheinigung, um zur „Kur“ fahren zu können. Ich gebe zu, dass ich ihn ziemlich neidisch ziehen lasse. Dann kommt eine Patientin, sie ist im mittleren Management tätig und an Diabetes erkrankt, sie erklärt uns: „Ich habe Kopfweh und Rückenschmerzen, außerdem spielt mein Blutdruck verrückt.“ Sie sei total fertig von den Weihnachtstagen, ihr Mann und ihre Mutter hätten sie völlig überstrapaziert.


Überstrapaziert war möglicherweise auch der Malteser-Fahrdienst, der die pflegebedürftige Mutter an Heiligabend in den 3. Stock zur Tochter hochtragen musste, damit „wir Weihnachten doch alle zusammen sind“. Nun fühlt sich meine Patientin nicht arbeitsfähig. Ich kann mir nicht verkneifen, sie darauf hinzuweisen, dass es vielleicht einfacher gewesen wäre, auf der Pflegestation des Altenheims zu feiern! Dann taucht ein Angestellter in der Sprechstunde auf und berichtet uns, dass er Rückenschmerzen habe, gestresst sei und nicht arbeiten könne. Über die Feiertage hatte er Renovierungsarbeiten in seinem Haus durchgeführt.

»Meine guten Ratschläge beherzige ich selbst nicht«

Wie war das noch mit den guten Vorsätzen für 2014? Las ich doch neulich, dass einer Umfrage zufolge viele Menschen im neuen Jahr vor allem Stress vermeiden und abbauen wollen. Aber da saßen sie nun schon wieder in meinem Wartezimmer: die gestressten Manager, Angestellten, Hausfrauen und Studenten. Ausgerechnet bei mir suchten sie Verständnis für ihre Situation und Entlastung – war ich doch aktuell auch eher ausgelaugt und nicht in frischer und positiv gestimmter Verfassung. Ja, das war richtiger Live-Unterricht für die junge Studentin.


Nach zwei Tagen Dreifachbelas­tung als Ausbilderin, Praxischefin und Hausfrau hing ich abends völlig fertig auf der Couch im Wohnzimmer. Schließlich bin ich keine 20 mehr! Angeblich – so sagt mein Mann – hatte ich eine dümmliche Fernsehserie eingeschaltet. Weder die Bilder noch die Worte drangen in mein Bewusstsein. Dafür zeigte aber ein Berg Nussschalen, wie ich mit meiner Belastung umgegangen war. Was ein Glück, dass die Weihnachtsplätzchen schon aus waren! Meine sämtlichen guten Vorsätze – na, halt die üblichen – hatten einfach keine Chance auf Verwirklichung.


Wahrscheinlich denken Sie jetzt: Was muss sie auch so perfektionistisch sein und alles gleich erledigen? Ja, für meine Patienten habe ich auch immer gute Ratschläge parat wie: Lassen Sie mal was weg, lassen und nehmen Sie sich Zeit, lassen Sie los, nutzen Sie die Zeit für Entspannungsübungen! Aber selbst fällt es mir schon schwer, in einer „angeschmuddelten“ Wohnung zu leben und immer über Wäscheberge zu stolpern. Denn wohlfühlen will ich mich ja schließlich auch. So sitze ich wieder da mit meinen alten Fehlern und Tugenden und bin kein neuer Mensch geworden zum Jahreswechsel. Und wer schreibt mich krank?