Täter in der Krankenpflege – "solche Menschen kennen wir alle"

Gesundheitspolitik

Der "Todespfleger" Nils H. könnte bis zu 200 Personen zu Tode gespritzt haben, schätzen Prozessbeobachter. © fotolia/andreysafonov

"Opfer der Profitgier im Gesundheitssystem: 21 000 getötete Patienten pro Jahr?" So lautet die provokative Überschrift einer Pressemitteilung des Droemer Verlages. Damit wird für das Sachbuch "Tatort Krankenhaus" geworben, welches zu Debatten über die "Folgen des maroden Gesundheitssys­tems" anregen soll.

In einer Pressekonferenz erklärten die Autoren, Professor Dr. Karl H. Beine (Arzt für Neurologie und Psych­iatrie) und Jeanne Turczynski (Redakteurin beim Bayerischen Rundfunk), wie es zur Zusammenarbeit kam. Ausgangspunkt war eine Fachtagung, auf der sich beiden kennengelernt hatten. Gehalten wurde ein Referat zum Thema Täter in der Krankenpflege. "Der Tenor in den Diskussionen am Rande war: Solche Menschen kennen wir alle. Damit war klar, es handelt sich nicht um ein Einzelphänomen", sagte Turczynski.

Prof. Beine, Chefarzt am St.-Marien-Hospital in Hamm und Lehrstuhl­inhaber an der Universität Witten/Herdecke, initiierte schließlich eine Umfrage, an der sich mehr als 5055 Ärzte, Kranken- und Altenpfleger beteiligten. Gefragt wurde im Zeitraum Oktober 2014 bis Oktober 2015: "Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?"

Im Ergebnis antworteten für den Bereich der Krankenhäuser 3,4 % der Ärzte, 5 % der Altenpfleger und 1,5 % der Krankenpfleger mit "ja". Die Hochrechnung für diese drei Berufsgruppen bedeutet, dass jährlich in den Kliniken 14 461 Menschen durch Fremdeinwirkung zu Tode kommen. Werden noch die "Ja"-Aussagen von Kranken- und Altenpflegern in Pflegeheimen (1 % bzw. 1,8 % = in Summe 6857 Tötungen) hinzugezählt, kommt man auf insgesamt 21 000 Tötungsfälle. Es seien "Zahlen, die Angst machen", so die Autoren.

Die bisher behaupteten Einzelfälle sind keine

Prof. Beine allerdings will diese Zahl an Mord- und Totschlagdelikten so nicht stehen lassen. Die Pilotstudie sei nicht repräsentativ und die Antwort biete Raum für unterschiedliche Interpretationen, z.B. zum Töten auf Verlangen und zu Formen der aktiven Sterbehilfe. Auch unter Generalverdacht will er die Ärzte und Pfleger nicht gestellt sehen. Aber, so sagt er, "die bisher behaupteten Einzelfälle sind keine".

Ursächlich für die Tötungsdelikte sehen die Autoren das Gesundheitswesen. Die "Zeit als Grundkategorie für Heilung" sei im Fallpauschalensystem nicht mehr abgebildet, erklärte Prof. Beine. Ärzte und Pfleger arbeiteten längst an ihrer Belastungsgrenze. Zeit und Personal für eine angemessene und menschenwürdige Pflege fehle. Die Machtfrage im Krankenhaus hält er längst als zugunsten der Ökonomie geklärt. "Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert", lautet deshalb auch der Untertitel des Buches.

"Krankentötungen lassen sich nicht immer verhindern, aber das Risiko, dass aus einer Einzeltat eine Serie wird, lässt sich verhindern", ist Prof. Beine überzeugt. Eine Voraussetzung ist aus seiner Sicht, dass die Mitarbeiter für suspektes Verhalten sensibilisiert werden. "Wir brauchen Pflegekräfte mit offenen Augen und Ohren und nicht mit gehetztem Blick auf die Uhr", schreiben die Autoren. Als auffällig bezeichnen sie u.a. veränderte Verhaltensweisen bei Tätern. Zum Beispiel betrifft das eine Verrohung der Sprache: Gesprochen wird nicht mehr vom Sterben, sondern vom Krepieren.

"Gezieltes Schlechtreden"

Der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Thomas Reumann, kritisiert die in Prof. Beines Buch genannte Zahl von 21 000 Tötungen im Krankenhaus. Offenbar sei es eine "empirische Schätzung", die nicht zwischen der Begleitung von Sterbenden und Töten unterscheide. Der palliativmedizinische Ansatz werde hier diskreditiert. "Die Tötungsbehauptung aufgrund wirtschaftlichen Drucks ist eine unverantwortliche Effekthascherei mit gezieltem Schlechtreden zum Verkauf des eigenen Buches auf Kosten von Pflegekräften", so Reumann. Damit werde eine Berufsgruppe unter Generalverdacht gestellt, die sich durch Empathie und die Sorge um das Wohlergehen kranker Menschen jeden Tag verdient mache: "Die Mitarbeiter in deutschen Krankenhäusern leisten rund um die Uhr großartige Arbeit – an 24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche."

Bei Verdacht auf Tötung oder Misshandlung von Patienten schauen manche Kollegen auch einfach weg, was zum Teil einem unausgesprochenen Einverständnis gleich­kommt. Selbst dort, wo Verdächtige im Kollegenkreis bereits intern als Todes­engel, Vollstrecker oder schwarzer Engel bezeichnet wurden, konnten Täter über Monate und Jahre ungehindert agieren. Vorgesetzte würden aber auch Hinweise auf verdächtiges Verhalten ignorieren, so Prof. Beine.

Als einen Grund hierfür sieht er, dass Chefärzte heute dem wirtschaftlichen Erfolg der Klinik verpflichtet sind. Sie trennen sich lieber vom problematischen Mitarbeiter, anstatt die Sache aufzudecken und das Haus damit dem Risiko imageschädigender Meldungen in den Medien auszusetzen. Die Folge: Täter können im nächsten Haus weiter handeln wie zuvor.

Nötig ist ein Umdenken in der Gesundheitspolitik

Die Autoren machen deutlich, Achtsamkeit ist vor allem eine Frage der Zeit. Zeit aber bleibt nicht genug bei hoher Arbeitsbelastung. In der Praxis bedeute das "Augen zu und durch". Kollegen würden sich "durch die Schichten boxen", sagte die Redakteurin. Mit dem entsprechenden Persönlichkeitsprofil könne es dann zum "Abrutschen" und zum Begehen der Taten kommen.

Die Autoren fordern in ihrem Buch ein Umdenken in der Gesundheitspolitik, "sonst werden unsere Krankenhäuser und Pflegeheime in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zu Orten des Grauens …, in denen Menschen getötet werden".

Professor Dr. Karl Lauterbach, SPD-Fraktionsvize im Bundestag, erklärte, er teile nicht die Zahlen aus der Analyse, aber auch er sehe systemische Fehler. Der ökonomische Druck in Klinik und Pflege sei ein Problem. Allmachtsfantasien des Einzelnen blieben durch die Arbeitsbelastung der Mitarbeiter und die fehlende Kommunikation in der Pflege deshalb unbemerkt.

Dem Vorwurf, es handelt sich beim deutschen Gesundheitswesen um ein marodes System, trat der Arzt und Politiker jedoch entschieden entgegen. Deutschland habe im Vergleich zu anderen europäischen Ländern eine bessere Ergebnisqualität. Konkret nannte er hier die seit 1990 um die Hälfte gesunkene Sterblichkeit nach Herzinfarkt sowie Therapieverbesserungen in der Onkologie und bei Diabetes.

Quelle: Pressekonferenz des Droemer Verlages 


Prof. Dr. Karl H. Beine, Arzt für Neurologie und Psychiatrie, Hamm © Eva Fesser