Von Kassenpraxis erschöpft und frustriert

Gesundheitspolitik Autor: Anke Thomas

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Als sich Dr. Andrea Gräfe 2005 als Kassenärztin niederließ, war sie voller Enthusiasmus und Engagement. Doch schnell folgte die Ernüchterung. 2010 zog sie die Konsequenzen und gab ihre Zulassung zurück.

2005 übernahm Dr. Gräfe eine 800-Scheine-Praxis. Ziel war eine hervorragende medizinische Versorgung ihrer Patienten, die dies auch goutierten. Schnell zählte die Praxis 1500 Scheine. Allerdings bedeutete das auch eine 80-Stunden-Woche in der Praxis, an Wochenenden zusätzliche Arbeit, berichtete Dr. Gräfe auf dem Kölner Bundeskongress für Privatmedizin.

Die ersten Frustrationsgefühle kamen recht zügig mit den KV-Abrechnungen auf. Zirka 30 % der Leistungen waren lediglich mit einem Restpunktwert von 0,3 Cent vergütet worden. Das Ergebnis spielte trotz des hohen Arbeitsaufwandes gerade mal die Höhe der Betriebskosten ein, erinnert sich Dr. Gräfe.

Hinzu kam, dass die kleinen Kinder ihre Mutter kaum zu Gesicht bekamen. Als Alleinverdienerin der Familie bedeuteten die Schwangerschaften außerdem Verdienstausfall und ständige Ungewissheit, wie viel am Quartalsende übrig bleiben wird.

Kinder verursachten „betriebliche Störung“

Kurzarbeit, so Dr. Gräfe, konnte nach den Geburten des zweiten und dritten Kindes 2006 und 2007 nicht beantragt werden, da „die Ursache der betrieblichen Störung selbst mutwillig herbeigeführt“ worden war. Und die Möglichkeit, einen bezahlbaren Vertreter zu finden? Pustekuchen, sagt Dr. Gräfe.

Ein weiterer Schlag ins Gesicht war ein Regress für Sprechstundenbedarf: Die Pflaster für die Behandlung von Warzen mussten aus eigener Tasche berappt werden.

Nächste Etappe auf dem Ernüchterungstrip Kassenpraxis: 2007 meldete sich das Finanzamt mit einer kräftigen Steuerforderung, die in dieser Höhe nicht erwartet worden war (Nachzahlung plus Vorauszahlungen). Das Gefühl, dass der eigene hohe Einsatz, sowohl finanziell als auch gesellschaftlich (negative Presse gegen Ärzte) nicht geschätzt wird, erlebte die Kollegin immer stärker.

Gute Medizin im GKV-Bereich kaum möglich

Zudem verfestigte sich die Erkenntnis: Gute Medizin ist im GKV-Bereich kaum oder gar nicht möglich. Also ging Dr. Gräfe in die Offensive und kurbelte IGeL an. Die Sprechstundenzeit für die GKV wurde auf das Mindestmaß von 20 Stunden pro Woche zurückgefahren und eine separate Privatsprechstunde eingeführt. Die Folgen: Die Privatabrechnungen stiegen an, die GKV-Scheinzahlen gingen zurück, was zu einem kontinuierlich sinkenden Budget bzw. der „KV-Todesspirale“ führte.

Aufgrund der langen Wartezeiten auf einen Termin wuchs auch die Unzufriedenheit der Kassenpatienten. Ein Schreiben führte zu weiteren Erkenntnissen. „Als Kassenmediziner steht dem Arzt kein kostendeckendes Honorar, sondern nur die adäquate Teilhabe am Gesamthonorar zu“, wie Dr. Gräfe nachlesen konnte.

Aggressionen von GKV-Patienten wurden immer mehr

Dr. Gräfe erkannte ferner: Auch die IGeL-Praxis zieht eine Menge Probleme nach sich - so z.B. lange Wartezeiten der GKV-Versicherten, häufige Umsonstberatungen und lästige KV-Stellungnahmen. 2008 entschied sich die Hautärztin zur Nichtteilnahme am Hautkrebsscreening, da dies für sie in dieser Form keine vernünftige Präventionsmaßnahme darstellte.

Weiterhin stellte die Kollegin fest: Die Aggressionen der Patienten gegenüber den Mitarbeiterinnen werden, weil die Kasse wieder dies oder jenes verweigert hat, immer schlimmer. Letztes Schlüsselerlebnis war eine schwangere Patientin, bei der Dr. Gräfe nach vier Monaten Wartezeit auf einen Termin ein malignes Melanom diagnostizierte.

Trotz großer Ängste: Rückgabe der Zulassung

2010 zog Dr. Gräfe dann trotz großer Ängste den Schlussstrich und gab ihre Zulassung zurück. Und das, obwohl sich die Situation denkbar ungünstig darstellte: Praxisstandort in einer Kleinstadt in ländlicher Umgebung mit 25 000 Einwohnern. Drei weitere Fachkollegen am Ort, in lediglich 22 km Entfernung weitere 15 Hautärze, laufende Kredite von etwa 450 000 Euro, Alleinverdienerin in der Familie, Praxisgemeinschaft mit anderen Ärzten. Nach Finanzanalysen, Marketingberatung, Patientenbefragung und intensiven Gesprächen mit der Hausbank wagte Dr. Gräfe den Schritt.

Das Fazit der Ärztin nach gut einem Jahr Privatpraxis:

  • 99 % der Privat- und 30 % der GKV-Versicherten sind geblieben, viele neue Patienten gewonnen,
  • Personal behalten, zum 1.2. zusätzliche Helferin eingestellt,
  • deutlich gestiegene Zufriedenheit der Mitarbeiterinnen,
  • Abläufe: statt 70 bis 100 nur noch 30 bis 35 Patienten am Tag,
  • Terminwartezeiten max. eine Woche, ausreichend Zeit für Anamnese und sinnvolle Therapie ohne Regressdruck,
  • keine Negativkommunikation mehr, Heilerqualitäten werden wieder wahrgenommen,
  • Arbeitszeit: 20 Wochenstunden, Zeit für Familie, Sozialkontakte, Leben ist wieder planbar,
  • Umsatz: keine Ausfälle, stabil.

Der Kassenmedizin trauert Dr. Gräfe seither keinen Augenblick mehr nach. Privatarzt zu werden sei viel einfacher, als man denkt, so die Kollegin. Wichtig sind eine zuwendungsorientierte Arztpersönlichkeit, individuelle Leistungen, ein breites Spektrum, die frühe Klientelselektion und Marketing.