Karoshi: Tod durch Überarbeitung

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Hierzulande geht es zwar (noch?) etwas gemächlicher zu, doch die Erkenntnis, dass Arbeit krank machen kann, ist gewiss nicht neu. © fotolia/REDPIXEL

Wann macht Arbeit krank? – in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Eine japanische Reporterin ist offenbar nach massiver Arbeitsüberlastung an Herzversagen gestorben. Die 31-jährige Politikjournalistin hatte 2013 in einem Monat 159 Überstunden angesammelt. Das berichtete unlängst der US-Sender CNN unter Berufung auf den öffentlich-rechtlichen japanischen Rundfunk NHK, für den die Frau gearbeitet hatte. Die Arbeitsbehörden seien zu dem Ergebnis gekommen, dass der Tod der Frau auf Überarbeitung zurückgehe.

Der Tod durch ein Übermaß an beruflicher Überlastung ist im Land der aufgehenden Sonne so weit verbreitet, dass in der japanischen Sprache dafür sogar ein eigenes Wort geprägt wurde: „Karoshi“. In einer Regierungsstudie gaben letztes Jahr 23 % der befragten Firmen an, dass manche ihrer Mitarbeiter auf mehr als achtzig Überstunden pro Monat kommen. Ein Jahr zuvor wurden über neunzig Fälle von Selbstmord oder versuchtem Suizid infolge von Überarbeitung offiziell anerkannt.

Nach 159 Überstunden im Monat an Herzversagen gestorben

Hierzulande geht es zwar (noch?) etwas gemächlicher zu, doch die Erkenntnis, dass Arbeit krank machen kann, ist gewiss nicht neu. Wenn in Deutschland über die Gefahren der Belastung im Berufsleben berichtet wird, so ist meist die Rede von Burnout, von Stress durch Mobbing oder Zeitdruck, von Tinnitus, Schlaflosigkeit und psychosomatischen Erkrankungen. In Zeiten der Globalisierung gilt es jedoch, gesellschaftliche Trends frühzeitig zu erkennen und gegenzusteuern.

Der Arbeitszeitreport 2016 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, der auf einer repräsentativen Befragung von 20 000 Beschäftigten in Deutschland beruht, hebt denn auch warnend den Finger: „Längere Arbeitszeiten und Überstunden gehen häufig mit Termin- oder Leistungsdruck, einer Überforderung durch die Arbeitsmenge sowie dem Ausfallen von Arbeitspausen einher. Mit zunehmender Länge der Arbeitszeit sinkt der Anteil der Beschäftigten, die mit ihrer Work-Life-Balance zufrieden sind, und es steigt der Anteil der Beschäftigten, die über gesundheitliche Beschwerden berichten.“

Wehret also den Anfängen. Gerade unsere „Branche“ sollte sich dieser Diskussion stellen. Dass die Arbeitsbedingungen für die Pflegeberufe vielerorts jeder Beschreibung spotten, geistert zwar immer wieder durch die Medien, geändert hat sich in den letzten Jahren daran jedoch nichts. Und wie viele chronisch überlastete Mediziner eine handfeste Depression entwickeln, bleibt oftmals im Dunkeln. Wer diese Entwicklung nicht ernst nimmt, wird wohl demnächst ein deutsches Syn­onym für „Karoshi“ erfinden müssen.