Community Health Nurses Konkurrenz für Verah und NäPa?

Niederlassung und Kooperation Autor: Isabel Aulehla

Community Health Nurses: Die einen befürchten undurchsichtige Doppelstrukturen für Patienten, die anderen betonen den Nutzen für versorgungsschwache Gebiete (Agenturfoto). Community Health Nurses: Die einen befürchten undurchsichtige Doppelstrukturen für Patienten, die anderen betonen den Nutzen für versorgungsschwache Gebiete (Agenturfoto). © iStock/Ridofranz
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Eine neue Berufsgruppe soll Patienten bald zu Hause aufsuchen, ohne in Praxen angestellt zu sein. Allgemeinmediziner befürchten eine chaotische Doppelstruktur.

Bald wird eine nicht-ärztliche, akademische Berufsgruppe die medizinische Versorgung in Deutschland ergänzen: Community Health Nurses (CHN). Die Ampel­regierung hat das Vorhaben im Koalitionsvertrag verankert, erste Master­studiengänge gibt es schon länger. Zu den Aufgaben der Absolventen sollen offenbar auch Hausbesuche gehören, bei denen pflegerische oder medizinische Routinetätigkeiten erledigt und Beratungsgespräche geführt werden. Hausärzten ist das ein Dorn im Auge. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) wertete eine Fokusgruppen-Diskussion mit sieben Hausärzten aus Sachsen-Anhalt aus. Die Teilnehmer befürchteten, dass eine unkoordinierte Pa­rallelstruktur zu qualifizierten MFA entstehen könnte, etwa zu Nichtärztlichen Praxisassistentinnen (NäPA) und Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis (Verah).  

Um diese Sorgen zu benennen, lud das Zi zur Diskussion mit ­Kordula Schulz-Asche, Mitglied der Bundestagsfraktion der Grünen und des Gesundheitsausschusses. Die Politikerin sieht keinen Grund  für Bedenken: Der sozial-pflegerische Ansatz des CHN-Studiums unterscheide sich deutlich von der medizinischen Ausbildung der MFA

Community Nurses sollen nicht nur Erkrankte besuchen, sondern sich mit der Gesunderhaltung einer ganzen Gemeinschaft befassen. Sie agieren auf Dorf- oder Stadtteilebene, haben die bestehenden Gesundheitsangebote im Blick und organisieren beispielsweise selbst Informationsveranstaltungen zur Prävention. Schulz-Asche kann sich ein kommunales Beschäftigungsverhältnis vorstellen. Sie betont, es handele sich um einen  „Netzwerkberuf“, der eng mit Kliniken und Praxen kooperiert.

Das Berufsbild soll auch der demografischen Situation gerecht werden. Auf dem Land gibt es Senioren, für die ein Arzt nicht zugänglich ist.  Community Health Nurses suchen die Betroffenen auf und erkundigen sich, ob es medizinische Bedarfe gibt. Ist jemand erkrankt, stellen sie keine Diagnose, sondern einen Kontakt zum Arzt her. Sie füllen somit einen Bereich unterhalb der hausärztlichen Ebene aus, der derzeit noch von keiner Berufsgruppe abgedeckt ist. Beispielsweise können sie vereinsamte Senioren bei der Reintegration in die Gemeinschaft unterstützen. Haben sie bei einem Hausbesuch den Eindruck, dass jemand mit der Pflege eines Angehörigen überfordert ist, erklären sie, welche Unterstützungs­angebote es gibt. 

Patienten könnten den Überblick verlieren

Dr. Robin John, Allgemeinmediziner in Schönebeck (Elbe) gab zu bedenken, dass für Patienten eine unübersichtliche Doppelstruktur entstehen könnte. Sie würden auch von Verah und ambulanten Pflegediensten aufgesucht. Kämen noch CHN hinzu, sei nicht mehr unbedingt klar, wer für was zuständig sei. Zudem würden die Nurses eine weitere Schnittstelle darstellen, mit der die Praxen netzwerken müssen. Wie genau die Kooperation der Community Health Nurses mit Kliniken und Niedergelassenen letztlich aussehen wird, muss sich also noch zeigen. 

In vielen anderen europäischen Ländern existiert das Berufsbild bereits. In Norwegen würden CHN zur  Versorgung weit zersiedelter Gebiete beitragen, berichtet Schulz-Asche. Teils gelinge dies mit einer telemedizinischen Anbindung an Arztpraxen. Die akademischen Kräfte sind gut bezahlt: Sie verdienten rund 80 % von dem, was ein Hausarzt verdient, so die Politikerin. 

Medical-Tribune-Bericht

Kordula Schulz-Asche: Mitglied der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen Kordula Schulz-Asche: Mitglied der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen © Grüne im Bundestag, S. Kaminski
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