Arzneimittelreport: Hersteller langen bei onkologischen Innovationen kräftig zu

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Etwa 100 000 Euro kostet eine medikamentöse Krebstherapie. © Fotolia/Lydie

Die Barmer ist alarmiert: Ihr Arzneimittelreport weist rasant steigende Ausgaben für Tumortherapien in der ambulanten Versorgung aus. Die Preise für überlebenswichtige Medikamente seien viel zu hoch.

Um 41 % stiegen seit 2011 die Ausgaben der Krankenkasse für Arzneimittel zur Behandlung maligner Tumorerkrankungen (betrachtet wurde nur der vertragsärztliche Bereich). Das berichtet Studienautor Professor Dr. Daniel Grandt, Chefarzt für Innere Medizin am Klinikum Saarbrücken und Mitglied im Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Fünf der zehn Medikamente mit der größten Umsatzsteigerung 2016 waren Onkologika.

Im Vergleich mit Europa, Australien und Neuseeland müssten die hiesigen Kassen für acht aller 31 betrachteten onkologischen Innovationen sogar Höchstpreise zahlen, sagte er. Bei den neuen Produkten liegt die Kostensteigerung von 2011 bis 2015 bei insgesamt 187 %. Die höchste absolute Steigerung verzeichnete mit plus 40 Mio. Euro Bevacuzimab (Zunahme um 92 %). Beim Wirkstoff Abirateron wuchsen die Ausgaben von 2,8 Mio. auf 31,9 Mio. Euro (+1035 %).

Nur 8 % des Ausgabenzuwachses lässt sich laut Prof. Grandt durch eine gestiegene Zahl an Tumorpatienten erklären.

Therapiekosten bei Hautkrebs haben sich fast verachtfacht

Als weitere Faktoren nennt der Arzt :

  • Kosten für neue Onkologika liegen regelmäßig im Bereich von 100 000 Euro pro Patient und Jahr.
  • Neue Arzneimittel führen nicht zur Heilung, sondern zu einer Verlängerung des progressionsfreien Überlebens um wenige Monate und nur selten zu einer signifikanten und noch seltener zur relevanten Verlängerung des Gesamtüberlebens.
  • Der Trend geht zur Kombination und zum konsekutiven Einsatz neuer Arzneimittel, wodurch Therapiekosten erheblich erhöht werden.

Die Behandlung mit neuen Medikamenten sei im Schnitt dreimal so teuer wie die bisherige Therapie.

„Ziel der Pharmahersteller ist der maximale Umsatz“, kommentierte Professor Dr. Christoph Straub die Ergebnisse. Der Vorstandsvorsitzende der Barmer verwies darauf, dass sich z.B. die Therapiekosten bei Hautkrebs in fünf Jahren fast verachtfacht haben.

Er hält deshalb eine faire Diskussion über Kos­ten und Nutzen der teuren Präparate für dringend notwendig: „Wir brauchen eine Balance zwischen den Interessen einer global aufgestellten Industrie und den Interessen von Krankenkassen und Versicherten.“ Neben der frühen Nutzenbewertung sei eine Kosten-Nutzen-Bewertung nach vier, fünf Jahren der Anwendung des Arzneimittels sowie ggf. eine Neuverhandlung des Erstattungspreises zwischen GKV-Spitzenverband und Hersteller erforderlich, so Prof. Straub.

Kritik an der Industrie auch wegen teuren Verwürfen

Kritik übte er auch an nicht zu nutzenden Restmengen bei Zytostatika-Rezepturen. Allein bei der Barmer würden die Verwürfe inzwischen zehn Mio. Euro jährlich kosten. Manche Unternehmen würden praxistaugliche Packungsgrößen vom Markt nehmen und durch Großpackungen ersetzen. Auch die tatsächliche Haltbarkeit angebrochener onkologischer Arzneimittelstammlösungen werde verschwiegen, so Prof. Straub. Der Barmer-Chef schlägt vor, die Verfügbarkeit praxistauglicher Packungsgrößen direkt mit der Zulassung eines Medikaments zu verknüpfen. Zudem sollten die Pharmaunternehmen verpflichtet werden, Angaben zur Haltbarkeit ihrer Produkte zu machen.