Versorgung Cardiolotse an Bord

Gesundheitspolitik Autor: Manuela Arand

Die Lotsen bleiben mit den Patienten regelmäßig telefonisch in Kontakt. Die Lotsen bleiben mit den Patienten regelmäßig telefonisch in Kontakt. © iStock/PeopleImages
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Speziell ausgebildete Cardiolotsen können eine wichtige Mittlerfunktion zwischen ­Klinik-, Haus- und Fachärzten übernehmen. Eine aktuelle Studie zeigt: Das Konzept ist umsetzbar und funktioniert.

Jeder Klinikkardiologe kennt diese Situation: Der Koronarpatient kommt als Notfall, die Kliniker basteln seine Koronarien wieder hin und entlassen ihn mit einem starken Statin in Hochdosis. Nach einem halben Jahr ist er wieder da mit akutem Koronarsyndrom und 5 mg Simvastatin, das er auch nur alle zwei Tage nimmt. „Wir bringen die Evidenz, die wir in unserem Wolkenkuckucksheim produzieren, nicht auf die Straße“, konstatierte Prof. Dr. Harald Darius, Vivantes Klinikum Berlin-Neukölln. Oft klemmt es bei der intersektoralen Verzahnung zwischen Klinik und Hausarztpraxis, relevante Informationen bleiben auf der Strecke. Das gilt keineswegs nur für die Kardiologie – in anderen Fachrichtungen sieht es nicht besser aus. 

Spezialisierte Patientenlotsen als Bindeglied zwischen den Akteuren im Gesundheitswesen könnten Abhilfe schaffen, sodass ständige Rehospitalisierungen ausbleiben. Wohlgemerkt, es handelt sich hier um ein neues Berufsbild für echte Menschen, nicht um eine App fürs Smartphone. „Nach meiner Erfahrung haben Menschen aus bildungsfernen Schichten die größten Probleme, die Komplexität des Gesundheitssystems zu durchschauen“, so Prof. Darius. „Vor allem ältere Menschen, die in der Kardiologie am meisten betroffen sind, können wenig mit einer App anfangen.“

Gemeinsam mit der AOK Nordost und der TU München haben die acht Berliner Vivantes Kliniken 2020 das Projekt Cardiolotse aus der Taufe gehoben und in einer kontrollierten Pilotstudie erprobt, die vom Innovationsfonds des G-BA gefördert wurde. Das Projekt konzentriert sich zunächst auf zehn Indexdiagnosen, bei denen jeder vierte Patient nach Entlassung aus stationärer Behandlung binnen eines Jahres wieder im Krankenhaus landet, nämlich bei ischämischbedingten Herzerkrankungen, verschiedenen Arrhythmien und Herzinsuffizienz. Die Rehospitalisierungsrate im ersten Jahr diente daher auch als primärer Endpunkt der Studie, sekundäre Endpunkte waren u. a. die Verweildauer bei Rehospitalisierung, Mortalität und Lebensqualität. 

Die Cardiolotsen sprechen geeignete Patienten, die nicht zu schwer pflegebedürftig oder kognitiv eingeschränkt sind, bereits auf Station an und begleiten sie nach der Entlassung weiter. 

Krankenhausverweildauer wurde um 1,8 Tage reduziert

Zu den Aufgaben gehören Absprachen mit Klinik-, Haus- und Fachärzten zu Terminen, Medikamenten, Heil- und Hilfsmitteln, aber auch die Vermittlung z.B. in Infarktsportgruppen oder Rauchentwöhnungskurse. Anfangs halten die Cardiolotsen engen Telefonkontakt zum Patienten (alle vier Wochen), später einmal im Quartal. Für die Studie konnten über 2.500 Patienten im mittleren Alter von 72,5 Jahren gewonnen werden, die 1:1 in Lotsen- und Kontrollgruppe aufgeteilt wurden. 

Schon in den ersten 30 Tagen nach Entlassung mussten mehr als 700 Teilnehmer wiederaufgenommen werden, „viel mehr als wir befürchtet hatten“, berichtete Prof. Darius. Bei den Rehospitalisierungen aufgrund der Indexdiagnosen schnitten lotsenbetreute Patienten besser ab als die Kontrollgruppe. Besonders profitiert hatten Menschen mit dem geringsten Bildungsgrad (ohne Schulabschluss). 

Nur 1.080 Patienten kamen auf keine einzige Indexdiagnosen-bedingte Krankenhausaufnahme. Die Krankenhausverweildauer wurde um 1,8 Tage signifikant reduziert, die Mortalität fiel im Trend ebenfalls niedriger aus (18,9 % vs. 20,7 %), aber ein Jahr Beobachtungszeit ist wahrscheinlich zu kurz, um signifikante Effekte zu sehen.

Wer enttäuscht ist angesichts flauer Effekte mit mäßiger Signifikanz, denkt zu kurz. Für Prof. Dr. Wilhelm ­Haverkamp, Berlin, stellt der Cardiolotse angesichts der sich rasant ändernden Versorgungsstrukturen ein innovatives Konzept mit Zukunft dar. Wie schnell sich so etwas bei Bedarf eta­blieren kann, zeigt das Beispiel der Videosprechstunden: Vor Corona kaum genutzt, obwohl seit 2017 abrechenbar, stieg die Zahl schon zu Beginn der Pandemie auf mehrere 100.000 – pro Monat! 

Von einer besseren intersektoralen Betreuung können kardiologische Patienten zweifellos profitieren, und nicht nur sie, sondern auch Patienten mit anderen chronischen Erkrankungen. „Es wäre gut, wenn wir Patientenlotsen während der Pandemie gehabt hätten“, betonte Prof. Haverkamp. Bei den Studienresultaten geht es seiner Ansicht nach nicht nach Signifikanzen oder Ergebnisstärke, sondern darum zu zeigen, dass die Lotsenidee praktisch umsetzbar ist und funktioniert.  

In 20 Jahren 146 Studien zu Gesundheitslotsenprojekten

„Die wichtigste Frage für mich ist jetzt: Wie kann das Konzept konkret in die Realität umgesetzt, sprich: in die Regelversorgung integriert werden?“, so der Kardiologe. Das wird nicht einfach, denn: „Die Welt ist voller Partikularinteressen.“ In den letzten 20 Jahren gab es 146 Studien zu Gesundheitslotsenprojekten in nahezu jeder medizinischen Fachrichtung. Es bleibt abzuwarten, welche sich in welcher Form durchsetzen können. „Der G-BA wird über die Einführung von Lotsenmodellen in die Regelversorgung verschiedener Krankheiten wahrscheinlich nächstes Jahr entscheiden“, ergänzte Prof. Darius.

Quelle: 88. Jahrestagung der DGK*

*    Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung

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