Die Nase voll – aber keinen interessiert‘s

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Das Nasenspray stets griffbereit – das sind die Junkies. © iStock.com\Art-Of-Photo

Die Sucht durch das Nasenspray – in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Während Betäubungsmittel und deren Missbrauch derzeit wieder einmal die Schlagzeilen beherrschen, spielt sich eine weitverbreitete Sucht nahezu im Verborgenen ab. In Deutschland frönen ihr weit mehr als 100.000 Menschen. Es geht um Nasenspray. Zehntausende benutzen es täglich, weil sie abhängig sind. Für sie gehört der Sprühstoß aus dem kleinen Fläschchen längst ebenso zum Alltag wie das Zähneputzen.

Einfache Handhabung und prompte Wirkung haben die Sprays auf die Hitliste der Lieblingsmedikamente der Deutschen katapultiert. Der Absatz stieg in den letzten beiden Jahren um rund zehn Prozent. Fünf dieser Präparate zählen hierzulande zu den zwanzig meistverkauften rezeptfreien Medikamenten, Auf Platz 1 liegt ein Nasenspray. Vielen Nutzern ist offensichtlich aber nicht bewusst, dass mit der Anwendung ein erhebliches Suchtpotenzial verbunden ist. Darauf sollten Sie Ihre Patienten mit Nachdruck hinweisen – Sie wollen sich doch gewiss nicht der Beihilfe zum Einstieg in die Droge schuldig machen.

Der in vielen Sprays enthaltene Wirkstoff Xylometazolin lässt sich mit dem körpereigenen Botenstoff Adrenalin vergleichen, denn er verengt die Gefäße und sorgt so dafür, dass die Nasenschleimhäute abschwellen und die Atemwege wieder frei werden. Was bei einer akuten Erkältung eine Wohltat ist, birgt bei ständigem Missbrauch große Gefahren, denn der Körper lernt schnell, dass er selbst weniger Botenstoffe produzieren muss. Die Folge: Die Nase wird nur noch mithilfe des Sprays frei, ohne erleichternden Sprühstoß bleibt sie dicht.

Bei langanhaltendem Abusus wird die Schleimhaut dauerhaft geschädigt, die Selbstreinigung der Nase funktioniert nicht mehr, chronische Entzündungen sind die Folge. All das kann den schwer abhängigen Nasenspray-Junkie nicht von seinem Tun abhalten. Der Stoff ist immer in greifbarer Nähe – am Bett, in der Handtasche, im Büro, im Auto. Und wehe, das Fläschchen wurde mal vergessen oder der Vorrat ging unerwartet rasch zur Neige. Die dann zu beobachtende Panik gleicht der des Zigarettenrauchers vor leerer Schachtel eins zu eins. Auch wenn Angehörige oder Freunde des „Sprayers“ längst die Nase voll haben, sei ihnen wohl besser empfohlen, sich vor dem Wochenende den örtlichen Apotheken-Notdienstplan auszudrucken. Der Weg zur Beschaffungskriminalität ist sonst nicht mehr weit ...