Finanzinvestor-geführte MVZ
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Auch hausärztliche Versorgung im Fokus von Finanzinvestoren

Niederlassung und Kooperation Autor: Anouschka Wasner

Finanzinvestorenbetriebene Strukturen sind im deutschen Gesundheitswesen auf dem Vormarsch. Finanzinvestorenbetriebene Strukturen sind im deutschen Gesundheitswesen auf dem Vormarsch. © Tiko – stock.adobe.com
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Eine weitere Private-Equity-Gesellschaft plant vom Mittelrheintal aus ihren Einstieg in das deutsche Gesundheitssystem. Damit ist klar: Finanzinvestor-geführte Konzerne dringen auch in den hausärztlichen Bereich vor.

Der Gesundheitscampus Loreley GmbH – eine Tagesklinik für konservative Orthopädie im beschaulichen Städtchen Oberwesel im Mittelrheintal – gehört bald dem irischen Konzern Centric Health. Unterschrieben wurde der Übernahmevertrag zwischen der Krankenhaus GmbH Oberwesel und dem irischen Konzern Ende März. Centric Health will zukünftig die Tagesklinik auf dem Campus betreiben sowie ein allgemeinmedizinisches Versorgungszentrum aufbauen.

Außerdem soll Oberwesel der Standort der Deutschland-Zentrale des irischen Gesundheitsinvestors werden. In einer Presseerklärung betont das Unternehmen, dass dieser Schritt den Eintritt in den deutschen Gesundheitsmarkt bedeute. „In enger Kooperation mit lokalen Akteuren vor allem aus dem Bereich niedergelassener Ärztinnen und Ärzte sowie der Kommunalpolitik“ wolle man sich zukünftig für den Aufbau integrierter Versorgungszentren engagieren. Dabei könnte der hausärztliche Bereich im Fokus der Geschäftsinteressen des Konzerns stehen.

Hinter Centric Health stehen zwei Ärzte – aber vor allem ein Private-Equity-Fonds

Der Konzern Centric Health mit dem Schwerpunkt Primary Care (neben der Primärversorgung auch zahnärztliche und physiotherapeutische Versorgung) wurde im Jahr 2003 von zwei Ärzten gegründet, die das Unternehmen bis heute führen, schreibt das Unternehmen. Der Konzern soll mit aktuell 61 Standorten der größte Akteur im Bereich der hausärztlichen Versorgung in Irland sein. Dort ist das Unternehmen in fünf Geschäftsbereichen tätig: Primärversorgung, Personalvermittlung, Akutversorgung, arbeitsmedizinische Dienstleistungen für Unternehmen sowie fachärztliche Versorgung.

MVZ in der Primärversorgung: Wie rentabel muss die Hausarztpraxis sein?

Ausgehend von einem kleinem Städtchen im Mittelrheintal will der irische Gesundheitskonzern Centric Health in den deutschen Markt der Primärversorgung einsteigen. Niedergelassene vor Ort sprechen sich dagegen aus. Mehr dazu »

Centric Health befindet sich seit 2018 im Portfolio von Five Arrows, einem Private-Equity-Fonds der Rothschild-Bank. 2019 ist Centric Health dann auch in den Niederlanden eingetreten und ist dort aktuell mit sieben Standorten, ausschließlich Hausarztpraxen, vertreten. Nach eigenen Angaben werden in Irland in den Einrichtungen des Konzerns über 400.000 Patienten versorgt, in den Niederlanden rund 70.000 Patienten, und zwar im allgemeinmedizinischen Bereich, aber auch in der Gesundheitsprävention, im Bereich der chronischen Erkrankungen und in der fachärztliche Versorgung. Die von Centric Health geführten Gesundheitseinrichtungen sollen sich dadurch auszeichnen, dass sie ärztlich geführt sind und sich der langfristigen Sicherung medizinischer Grundversorgung vor allem auch in strukturschwachen Regionen widmen, so das Unternehmen.

Schon einige Investoren auch in der Allgemeinmedizin aktiv

Der irische Investor ist mit seinem finanziellem Engagement in der allgemeinmedizinischen Versorgung in Deutschland nicht alleine. Wie der Autor Rainer Bobsin, der die Entwicklungen in Bereich der Private-Equity- und Finanzinvestorenkäufe seit Jahren beobachtet, ausfindig gemacht hat, gibt es mittlerweile mehrere Investoren, die auch im Bereich der Allgemeinmedizin aktiv sind. Ende 2019 hatte z.B. die Sanecum-Gruppe das Policum Berlin mit heute neun MVZ übernommen, 2021 die Beteiligungsgesellschaft Triton die „Dr. med. Kielstein Ambulante Medizinische Versorgung GmbH“ („Kielstein“) mit einem Netz von 30 Standorten. Avi Medical, ein Venture-Capital-finanziertes Digital-Health-Startup, hat 2021 seine ersten Hausarztpraxen gekauft und zählt heute 12 Praxen zum Praxisverbund. Im gleichen Jahr hat auch der finnische Gesundheitsdienstleister Mehiläinen die Dalberg Klinik in Fulda übernommen. Sein ausformuliertes Ziel: sich weiter in Deutschland auszudehnen und zwar auch in Richtung Allgemeinmedizin. Und es geht weiter: Die schwedische Doktorse Nordic AB, gleichermaßen ein Venture-Capital-finanziertes Digital-Health-Startup, hat Ende 2021 die PKB Praxis-Klinik-Bergedorf GmbH übernommen. Sie will hausärztliche Einrichtungen übernehmen, die die Grundlage für eine rasche Expansion in Deutschland bilden sollen, um „für alle Patienten die erste Wahl für den ersten Kontakt mit einem Arzt zu werden.“

„Die Konzerne haben sich in Stellung gebracht“

Das sehe vielleicht noch nicht nach so vielen Übernahmen aus, sagt dazu der Experte Bobsin. „Aber mit dem Kauf jeweils eines Krankenhauses haben sich die Konzerne in Stellung gebracht. Sie erfüllen jetzt die juristischen Voraussetzungen, um weitere Praxen in ihre MVZ-Ketten aufzunehmen.“ Dass die Struktur eines MVZ für Ärzte und Patienten Vorteile bieten kann, ist unumstritten. Dazu gehört etwa, dass sich die dort arbeitenden Ärzte eigentlich nicht um Finanzen kümmern müssen und dass die Praxen z.B. bessere Investitionsmöglichkeiten haben, ein größeres Leistungsangebot anbieten und ein umfassenderes Qualtiätsmananagement durchführen. Ärzte, die sich nicht selbstständig machen möchten, aber im ambulanten Bereich arbeiten wollen, können in MVZ durchaus attraktive Abeitsmöglichkeiten finden. Nach Daten der KBV waren Ende 2020 über 21.000 Ärztinnen und Ärzte in MVZ als Angestellte beschäftigt (fast 25.000 insgesamt). Die größte Kritik an Finanzinvestoren-betriebenen Strukturen im Gesundheitswesen besteht aber sicherlich darin, dass Investoren Renditeinteressen verfolgen. Dabei haben unterschiedliche Arten von Investoren unterschiedliche Ziele und Herangehensweisen. Private-Equity-Gesellschaften, die gerade im ambulanten Bereich auf dem Vormarsch sind, gehören zu jenen, die dabei als sehr ambitioniert gelten. Ihr Ziel ist der Wiederverkauf der Unternehmen zu einem möglichst hohen Verkaufspreis. Dafür müssen die Einrichtungen möglichst gewinnbringend arbeiten. Wie verbreitet es ist, dass Ärztinnen und Ärzte von MVZ-Trägern in die Pflicht genommen werden, gewinnoptimierend zu arbeiten, ist nicht bekannt. Aktuell häufen sich in den Medien Berichte von Ärztinnen und Ärzten aus dem augen- und zahnärztlichen Bereich, die von umsatzorientierten Leistungsvorgaben sprechen, teils in ausgeprägtem Maß. Andere Ärztinnen und Ärzte bestreiten das. Die KV Bayerns hat jetzt eine Studie der IGES Institut veröffentlicht, in der unter anderem die Behandlungskosten untersucht werden: Bei gleicher Patientenstruktur, gleichen Vorerkrankungen und gleichen Behandlungsanlässen werden in MVZ fachrichtungsübergreifend je Patient durchschnittlich um 1,9 % höhere Behandlungskosten abgerechnet als in Einzelpraxen. In der Teilgruppe der MVZ im Besitz von Private-Equity-Gesellschaften werden um 8,3% höhere Honorarvolumen abgerechnet. Erhöhte Honorarvolumina je Patient liegen insbesondere bei Internisten des fachärztlichen Versorgungsbereich (6%) sowie in den Fachrichtungen Augenheilkunde (11%) und Gynäkologie (11,7%) vor.

Medical-Tribune-Bericht

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