Ärzte im Einsatz, wenn es „O‘zapft“ heißt

Gesundheitspolitik Autor: Caroline Mayer

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Eröffnungssamstag auf dem Münchner Oktoberfest: Der Monitor im Flur der Wiesn-Sanitätsstation zeigt um 14.05 Uhr nur ein belegtes Bett im Überwachungsraum an. Noch sind die Ärzte entspannt.

 „Erfahrungsgemäß geht es hier erst gegen 18 Uhr richtig los. Zwischen 20.30 Uhr und 22 Uhr kommen die Patienten dann im Minutentakt“, sagt Dr. Ulrich Hölzenbein. Der 44-jährige Notarzt und Internist arbeitet seit 20 Jahren im Team der Sanitätsstation. Mittlerweile hat er die ärztliche Leitung übernommen.

Die Sanitätsstation, die seit 1885 vom Bayerischen Roten Kreuz geführt wird, ist nicht einfach nur ein Ausnüchterungsort für Betrunkene. In den vergangenen zehn Jahren wurde das Lazarettzelt zu einer modernen Notfallambulanz ausgebaut. Auf 750 Quadratmetern gibt es z.B. fünf Behandlungskabinen, zwei Räume für kleine Wundversorgungen, einen Raum für Akutbehandlungen, einen Überwachungsraum für alkoholisierte Patienten und zwei Ruheräume. Daneben sind zehn Teams im Außendienst mit fahrbaren Tragen im Einsatz, die berühmten „gelben Bananen“, auch „Wiesntaxis“ genannt.

Mit verbundenen Händen fix zurück ins Bierzelt

„An normalen Wochentagen arbeiten zwischen 70 und 90 Helfer auf der Station, an Wochenendtagen sind es bis zu 130“, erklärt Dr. Hölzenbein. Je nach Uhrzeit und Wochentag sind vier bis 14 Ärztinnen und Ärzte darunter, überwiegend Fachärzte wie Chirurgen, Neurologen, Pädiater oder Anästhesisten. Denn die klassischen „Bierleichen“ machen – anders als man gemeinhin vermuten würde – in der Statistik der Sanitätsstation nicht einmal zehn Prozent der Fälle aus. „Die Bandbreite, die man hier sieht, reicht von der Blase am Fuß über die Kopfplatzwunde bis zum Herzinfarkt oder Schlaganfall“, erklärt Hölzenbein.

Ärzte lockt auch das besondere Flair des Festes

Die medizinische Herausforderung bestehe darin, aus den 10 000 Patienten, die im Verlauf der 16 Tage kommen, die zehn lebensbedrohlichen Fälle herauszufiltern. „Als Sichtungsarzt müssen Sie in 30 bis 45 Sekunden entscheiden: Wer muss ins Krankenhaus? Wer kommt in den Ruheraum ...?“

Während Hölzenbein erzählt, stolpert ein schlaksiger junger Mann mit Filzhut aus dem Behandlungszimmer. Das weiße Hemd über der kurzen Lederhose ist blutverschmiert, unter dem rechten Auge klafft eine kleine Wunde, beide Hände sind frisch verbunden. Beim Zuprosten sei der Krug gebrochen, sagt er und lacht. Seine glasigen Augen lassen vermuten, dass es nicht die erste Mass war. Der junge Mann bedankt sich auf Englisch, verabschiedet sich gut gelaunt mit Handschlag bei den Helfern und eilt wankend zum Ausgang. Schnell zurück ins Bierzelt.

Wiesn-Wahnsinn: Bildung in Sachen Notfallmedizin

Schnittverletzungen gehören zu den häufigsten Versorgungsfällen auf der Sanitätsstation. Für Dr. Andrea Heinemann einer der Gründe, warum sie sich jetzt schon das fünfte Jahr dem Wiesn-Wahnsinn aussetzt. „Hier kann ich Nähen üben“, sagt die Hausärztin. Auf der Sanitätsstation sehe sie viele Verletzungen, die in einer normalen Hausarztpraxis nur alle paar Jahre vorkommen. „Das ist für mich wie eine Weiterbildung in der Notfallmedizin.“

Der Weiterbildungsaspekt ist für viele der hier tätigen Helfer eine zentrale Motivation. Inzwischen werden auf der Wiesn-Sanitätsstation sogar schon Famulaturen angeboten.

Bis zum Jahr 2010 waren fast alle Mitarbeiter der Sanitätsstation ehrenamtlich tätig. Seit fünf Jahren wird den Ärzten eine Aufwandsentschädigung angeboten. Sie können wählen, ob ihnen ein Honorar ausbezahlt werden soll oder ob sie ihr Honorar ganz oder teilweise einer Bereitschaft des Bayerischen Roten Kreuzes spenden. "Wegen des Geldes macht es hier aber niemand“, sagt Dr. Hölzenbein. Er schätzt, dass etwa 25 bis 30 % der Honorare gespendet werden. Vielen Ärzten geht es um das besondere Flair des Festes und die ganzen menschlichen Geschichten am Rande.

Immer wieder gerne erzählt wird die Geschichte vom fliegenden Bein: Vor ein paar Jahren erhielt die Leitstelle den Notruf „Person aus dem Kettenkarussell gestürzt“. Es stellte sich heraus, dass sich bei einer älteren Dame während der Fahrt die Oberschenkelprothese gelöst hatte und durch die Luft geflogen war. Das gute Stück war bereits gefunden und der Besitzerin zurückgegeben worden.