Atomkatastrophe von Tschernobyl: Strahlenschäden oft erst spät ersichtlich

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck, Foto: Thinkstock

„Die Atomindustrie kann jedes Jahr eine Katastrophe wie Tschernobyl verkraften“, sagte Hans Blix, Direktor der Internationalen Atombehörde, noch im Jahr 1986. Heute ist ein solcher Standpunkt auch angesichts der gesundheitlichen Folgen einer derartigen Havarie schwer haltbar.

Die Auswirkungen des atomaren Unfalls im ukrainischen Kernreaktor vor 25 Jahren sind dramatisch. Dabei treten die meisten gesundheitlichen Folgen erst nach vielen Jahren, oft auch erst in der nachfolgenden Generation auf.

Das sind die Ergebnisse einer aktualisierten Studie der IPPNW Deutschland (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges / Ärzte in sozialer Verantwortung e.V.) und der Gesellschaft für Strahlenschutz (GfS). Die Basis der Analyse bildeten internationale Erhebungen.

Als Problem stellte sich auch nach mehr als zwei Jahrzehnten heraus, dass weder die Regierungen der betroffenen Staaten noch die Internationale Atombehörde (IAEO) und das Wissenschaftliche Komitee der Vereinten Nationen für die Wirkungen der Atomstrahlung (UNSCEAR) deutliches Interesse an der Aufarbeitung zeigen. Studien seien deshalb oft unter Verschluss oder geschönt. Selbst ein vor zwei Monaten veröffentlichter UNSCEAR-Bericht zeige „die bis heute bagatellisierende Sicht der Dinge auf der UNO-Ebene“, erklärte GfS-Präsident Dr. rer. nat. Sebastian Pflugbeil im Gespräch mit Medical Tribune.

Als hilfreich bezeichnete der Studienmitautor dagegen „ernsthafte“ Analysen von Wissenschaftlern aus Russland, Weißrussland und der Ukraine. Diese Erkenntnisse seien in die vorliegende Studie einbezogen worden.

Ergebnis der Aktualisierung ist unter anderem, dass allein von den 830 000 Aufräumhelfern, den sogenannten Liquidatoren, bereits bis zum Jahr 2005 zwischen 112 000 und 125 000 verstarben. Mehr als 90 % der Überlebenden sind Invaliden. Blutgefäße im Gehirn, im Herz und in den Augen altern um 10 bis 15 Jahre früher, was unter anderem zu vorzeitiger Kurzsichtigkeit und Katarakt, aber auch zum frühen Verlust der höheren intellektuellen kognitiven Funktionen führt.Und es gibt überdurchschnittlich viele Liquidatoren mit somatischen und neurologisch-psychiatrischen Krankheiten. Sie leiden an Wortfindungsstörungen, Depressionen, Gedächtnisstörungen und Konzentrationsproblemen.

Siebenfach höhere Zahl von Mutationen

Die Studie verdeutlicht, dass eine chronische Strahlenbelastung mit einer nicht so hohen Strahlenleistung über längere Zeiträume besonders gesundheitsschädigend ist. Viele Folgen würden erst nach vielen Jahren, oftmals sogar erst in den nächsten Generationen sichtbar.

So wurden in einer Untersuchung der Universität Haifa im Erbgut der Kinder von Liquidatoren ungewöhnlich viele Mutationen gefunden. Im Vergleich zu ihren vor dem Tschernobyleinsatz gezeugten Geschwistern war die Zahl von Veränderungen um das Siebenfache erhöht. Die Väter der untersuchten Kinder waren einer Strahlenbelastung von 50 bis 200 Millisievert ausgesetzt gewesen – eine Dosis, die von Arbeitern eines Atomkraftwerkes normalerweise im Laufe von 10 Jahren nicht überschritten werden darf.

Anzeichen lassen vermuten, dass verschiedene neurologische und psychiatrische Erkrankungen durch Strahlenbelastungen zwischen 150 bis 500 Millisievert ausgelöst werden können. Rund ein Viertel der Menschen, die bis zu 300 Millisievert abbekommen haben, entwickelt das Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS). Zum Vergleich: Die durchschnittliche Belastung aus der Umwelt liegt in Deutschland bei etwa 2,1 Millisievert pro Jahr.

Weiter ergibt sich aus der Studie, dass überdurchschnittlich viele Liquidatoren an Tumoren – vor allem der Lungen und Atemwege, aber auch von Blase, Darm, Nieren und Schilddrüse – erkrankt sind. Während die durchschnittliche jährliche Zunahme aller Krebsarten in der Vergleichsregion Vitebsk im Norden Weißrusslands 1,5 % betrug, lag sie bei den Liquidatoren bei 5,5 %.

Bei 48 % der mittlerweile gestorbenen und obduzierten Liquidatoren wurden Blutgerinnsel oder Probleme mit der Blutzirkulation als Todesursache festgestellt. Tumorerkrankungen stehen als Todesursache mit 28 % erst an zweiter Stelle. Aufgrund der langen Latenzzeiten wird für die kommenden Jahre eine erhebliche Zunahme der Erkrankungen erwartet.

Es werden noch mehr Erkrankungen erwartet

In Deutschland wird im Fall eines kerntechnischen Unfalls ab einer erwarteten Strahlendosis von 10 Millisievert der Aufenthalt in Gebäuden empfohlen, in einem Radius von 100 km um ein Kernkraftwerk die prophylaktische Einnahme von Kaliumjodidtabletten für Kinder, Jugendliche und Schwangere und ab einer erwarteten Strahlendosis von 100 Millisievert soll in einem Umkreis von 10 km die Evakuierung erfolgen.

In einem Exkurs werfen die Ärzte der IPPNW die Frage auf, wie Jodtabletten gefahrlos verteilt werden können, wenn die Menschen in ihren Häusern bleiben sollen. Auch bezweifelt die Organisation, wie in einem Brief an Umweltminister Norbert Röttgen zu lesen ist, dass ausreichend Tabletten vorrätig sein werden. Dass sich die Bundeskanzlerin jetzt in Richtung Ausstieg bewegt, sieht der Chef der Gesellschaft für Strahlenschutz mit Erleichterung.

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