Auch wir Ärzte leben in postfaktischen Zeiten

Kolumnen Autor: Dr. Robert Oberpeilsteiner

Viele Mediziner können mit Kritik an ihrer Arbeit nicht umgehen! © fotolia/chajamp

Der Kassenarzt Dr. Robert Oberpeilsteiner hat es satt, ständig kritisiert zu werden. Mit dieser Meinung steht er nicht alleine da, wie eine Studie des British Medical Journal zeigt.

Mein Kassenarztpuls war kürzlich wieder einmal auf 180. Hochgejagt von einem guten Bekannten mit dem ich mich seit vielen Jahren hingebungsvoll und einfallsreich streite. Er hatte eben gesagt: "Schon wieder ist ein Kollege von dir verurteilt worden." Nicht einfach, "ein Arzt ist verurteilt worden". Sondern "ein Kollege von dir". Ich antwortete: "Vielen Dank für die Blumen!" Sowieso wollte er mich nur provozieren. Er ist Jurist. Wir waren gerade bei der Eröffnung einer Schachpartie. Kleine Fouls gehören dazu. Sie sind meist interessanter als unser Spiel selbst.

Jedenfalls hatte er sein Ziel, mich abzulenken, erreicht. Er traf bei mir eine wunde Stelle. Denn mein Bauchgefühl sagt mir seit Langem, immer mehr wird auf uns einge­hauen. Kürzlich war in Spiegel online zu lesen: "Die Kassenärzte haben sich den Ruf erarbeitet, eine der korruptesten und zerstrittensten Vereinigungen im Gesundheitswesen zu sein." Ich las zunächst nur "die Kassenärzte ... eine der korruptesten und zerstrittensten Vereinigungen". Erst dann bekam ich mit, dass der zweifelhafte Superlativ sich "nur" auf das Gesundheitswesen bezog. Das heißt, im Rest der Gesellschaft könnten also durchaus noch mehr die Fetzen fliegen und könnte mehr geschmiert werden. Aber diese Erkenntnis beruhigte mich nicht wirklich.

»Mediziner leiden wie Sau unter Kritik an ihrer Arbeit«

Ich stelle mir in letzter Zeit immer häufiger die Frage – unabhängig vom Wahrheitsgehalt –, wie soll ich mit solchen Berichten umgehen. Unser Bild in der Öffentlichkeit widerspricht meiner Erfahrung, meinen Gesprächen mit den Patienten und allen Befragungen, in denen es um die Patientenzufriedenheit geht. Offensichtlich vertrage ich Kritik nicht (mehr) gut. Damit bin ich aber nicht allein. Eine Studie des British Medical Journal mit 8000 Ärzten ergab, dass Mediziner Kritik an ihrer Arbeit schlecht abkönnen. Sie leiden darunter wie Sau, bekommen psychosomatische Beschwerden und Suizidgedanken. Andererseits: In einer Zeit, in welcher der Begriff „Elite“ als Anlass genommen wird, um unkritisch Schmutz und Dreck auszuschütten, werden wir wohl nicht darum herumkommen, uns eine dickere Haut zuzulegen. Schwamm drüber, weitermachen also?

Das ist freilich leichter gesagt, als getan. Jüngst sah ich im Fernsehen einen halbdokumentarischen Bericht über einen Depressiven. Dabei sagte der empörte Kommentator anklagend, die Erkrankung sei vor Jahren als Burn-out fehldiagnostiziert worden. Meinte er. Wieder fühlte ich mich getroffen als Angehöriger eines Berufsstandes, der Fehldiagnosen produziert. Dabei wissen wir doch, wie schwierig gerade eine psychische Diagnose ist, welch fragiles Konstrukt sie ist.

Der "Depressive" war immerhin psychisch noch so stabil, ein Fernsehteam um sich herumwuseln zu lassen. Eine innere Festigkeit, die ich - als mutmaßlich psychisch Gesunder - nicht aufbringen könnte. Aber, lassen wir das. Ich werde mich bemühen, weiter sachlich, den Fakten folgend zu argumentieren. Mich nicht auf die emotionale Schiene locken lassen. Aber es fällt schwer. Vor allem, wenn manche Anwürfe stimmen.

»Kommerzielle Quacksalber haben Konjunktur«

Denn ich sehe eine andere, größere Gefahr: Unter wirtschaftlichem und bürokratischem Druck verändert sich unser Arbeitsalltag immer mehr. Damit einher geht eine schleichende Entfremdung vom gewohnten Berufsbild. Aus selbstbewussten Ärzten werden zunehmend Erbsenzähler, Punktesammler, Zensoren. In der Klinik ist eine Indika­tion zum Gelenkersatz schnell gestellt. In der Praxis die fortschrittlichere Pille schnell verweigert aus Angst vor einem Regress. War das jetzt zu scharf formuliert? Für mein Gefühl eher zu diplomatisch. Noch ein Argument für die zunehmende schleichende Entfremdung: In der sogenannten postfaktischen Zeit, in der es oft mehr auf Gefühlsduselei ankommt als auf wissenschaftliche Erkenntnisse, offeriert da nicht so mancher fragwürdige Heilsversprechen? Der Patient will es ja, lautet das elfte Gebot.

Angebote kommerzieller Quacksalber haben jedenfalls Konjunktur. Sie werden in Katalogen mit wissenschaftlichem Anstrich feilgeboten. Weil mir, vom Ärger vernebelt, dazu sofort der Begriff "Sudelbücher" einfällt, darf ich auch Hans Christian Lichtenberg zitieren: "Die gefährlichsten Unwahrheiten sind Wahrheiten mäßig entstellt." Diese mäßig entstellten Wahrheiten gelten als der Renner in so manchen Praxen. Wen wundert’s da noch, wenn wir auf Kritik sensibel reagieren? Die betroffenen Geschäftemacher sowieso. Mehr aber verärgert sein dürfte die Mehrheit, die sich solche intelligenten Angebote nicht an die Fahne heften möchte. Und damit auch nicht die Kritik daran. So. Ende der Predigt. Tief durchatmen.

Das Schachspiel war in der Zwischenzeit ziemlich ausgeglichen. Keiner konnte sich einen echten Vorteil erarbeiten. "Übrigens", sagte ich kurz vor Schluss der Partie, "mein Kollege ist in der Revisionsverhandlung freigesprochen worden. Deine Kollegen hatten ziemlichen Unsinn fantasiert." Ich zog den Turm auf H8. "Du bist wieder am Zug." Wir einigten uns auf Remis.