Blinde Frauen ertasten kleinste Tumore

Autor: Cornelia Kolbeck, Foto: discovering hands®

Anzeige

Bei der Brustkrebsfrüherkennung setzt die Betriebskranken­kasse Verkehrsbau Union (BKK VBU) als erste gesetzliche Kasse jetzt auch auf die Tastbegabung blinder und sehbehinderter Frauen. Die BKK hat dafür einen Vertrag mit einem Zentrum in Berlin geschlossen.

Die Untersuchung basiert auf dem ausgeprägten Tastsinn blinder und sehbehinderter Frauen. „Sie ist sanft, verursacht keine Schmerzen, kommt gänzlich ohne Geräte aus und schont so gleichermaßen Physis und Psyche unserer Kundinnen“, schwärmt BKK-Vize Helge Neuwerk. Rund 85 000 bei der Kasse versicherte Frauen aus Berlin und Brandenburg können das Angebot in Anspruch nehmen. Benötigt wird nur die Versichertenkarte, keine Überweisung.

Bei einem Pilotprojekt in Duisburg hatte mehr als die Hälfte der 700 eingeladenen Frauen das Untersuchungsangebot angenommen. 77 % von ihnen sahen darin eine sinnvolle Ergänzung zur klassischen Krebsfrüherkennung. Als einen weiteren positiven Aspekt bezeichnet Neuwerk, dass blinden und sehbehinderten Frauen der Weg in den Arbeitsmarkt geebnet wird.  

Abtasten dauert zwischen 30 und 60 Minuten

46,50 Euro kostet die Untersuchung, die niedergelassene Gynäkologen und Kliniken an 20 Standorten in Deutschland als Individuelle Gesundheitsleistung anbieten. Das Abtasten dauert 30 bis 60 Minuten.

Stefanie Gedenk ist eine solche Medizinische Tastuntersucherin (MTU). Sie wurde im Rahmen eines Pilotprojekts des Bundesarbeitsministeriums ausgebildet und arbeitet heute in Berlin im ersten discovering hands®-Zentrum Deutschlands.

Der kleinste von ihr entdeckte Tumor hatte einen Durchmesser von nur 0,4 cm. Frauenärzte schaffen das in der Regel nicht, sagt der Initiator des Projekts, Dr. Frank Hoffmann, denn „die Zeit, die wir Gynäkologen auf die Tastuntersuchung der Brust verwenden können, ist im Regelfall relativ kurz, jedenfalls zu kurz, um die bestmöglichen diagnostischen Ergebnisse erzielen zu können“.

Nach Angaben des Mülheimer Mediziners steht eine prospektive Studie zur medizinischen Tastuntersuchung an der Universitätsfrauenklinik Erlangen vor der Veröffentlichung. „Deren Ergebnisse dürften die hohe Qualität der Tastuntersuchung durch die MTU untermauern.“

Einen Hinweis darauf gab bereits eine Vorstudie. Hierbei hatte die MTU-Gruppe rund 50 % mehr auffällige Gewebeveränderungen als die Ärztegruppe gefunden. Die er­tasteten Gewebeveränderungen waren zudem ca. 30 % kleiner als die von den Gynäkologen erkannten.

Beim Abtasten – im Stehen und im Liegen – orientieren sich die Untersucherinnen an aufgebrachten Klebestreifen, die den Brustbereich in drei Segmente unterteilen (siehe Foto). Gebiet für Gebiet arbeitet sich die Untersucherin voran. Das benötigt Zeit und bietet Gelegenheit für Gespräche. Zu den Voraussetzungen für eine Ausbildung zur MTU gehört deshalb die Fähigkeit zur Kommunikation mit Kundinnen und dem medizinischen Team.

Bei einem unklaren Befund wird nach der Tastuntersuchung ein Ultraschall angeboten, zudem werden nach Rücksprache mit der Kundin die Daten an den behandelnden Frauenarzt übermittelt. Der größte von Stefanie Gedenk ertastete Tumor, der sich zudem als bösartig herausstellte, war übrigens drei Zentimeter groß.   

Für Frauen eine Alternative  zur Mammographie

Discovering hands® steht allen Frauen ab 30 Jahren offen. Laut Irene Tell, Netzwerkmanagerin des kooperierenden Gyn-Verbundes Berlin, nutzen vor allem Frauen das Angebot, die nicht von der üblichen Krebsfrüherkennung zwischen 50 und 69 Jahren profitieren oder die gegenüber der Mammographie nicht positiv eingestellt sind.

Anzeige