Budgetferien in den Praxen – ein alternativer Fakt

Gesundheitspolitik Autor: Dr. Günter Gerhardt

Es liegt in der Natur unseres budgetierten Systems, dass eine Praxis gegen Ende eines Quartals immer viele Patienten versorgt. © fotolia/Stefan Yang

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Abrechnungsdaten, Budgets und Termine am Quartalsende.

Auch wenn die meisten von Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, zur großen Gruppe der Vertragsärzte gehören, so tun sich doch viele schwer damit, die vertragsärztliche Versorgung im Detail zu erklären. Oft werden Stammtischparolen wiederholt, die nur teilweise stimmen.

Von der Laienpresse werden diese „Fakten“, an denen durchaus etwas Wahres dran sein kann, gerne aufgegriffen, etwas gefälliger formuliert – und schon sind „alternative Fakten“ (das Unwort des Jahres 2017) in der Welt: Belegbare Fakten werden durch nicht oder nur teilweise belegbare Aussagen ersetzt oder ergänzt, Falschbehauptungen werden so salonfähig gemacht.

Jeder von uns hat sich schon einmal über den Satz der Krankenkassen aufgeregt: „Wenn Ihr Arzt das befürwortet, dann bezahlen wir es auch.“ Teilweise richtig, aber auch falsch. Alternative Fakten eben, die sogar Wissenschaftler aufgreifen. So gerade passiert im Hamburg Center for Health Economics (HCHE) mit einer Studie zu den sog. Budgetferien.

Manche Sätze darin gefallen uns, wie beispielsweise die Feststellung: „Rund 70 % aller Untersuchungen, die Arztpraxen ihren Patienten anbieten, werden von gesetzlichen Krankenkassen nur bis zu einer bestimmten Obergrenze voll bezahlt.“ Andere Aussagen bringen uns regelrecht auf die Palme, wie: „Gerade Hausärzte schränken wohl alle drei Monate ihre komplexe Praxistätigkeit ein. Denn mehr als 86 % der Untersuchungen, die sie anbieten dürfen, unterliegen einem begrenzten Budget. Am Anfang jedes neuen Quartals stiegen die Termine in den Hausarztpraxen plötzlich um durchschnittlich mehr als 7 % an.“

Zum Glück gibt es Kolleginnen und Kollegen, die mit Leserbriefen und Beiträgen dagegenhalten. Beispielsweise Dr. Thomas Schätzler aus Dortmund, der seinen Leserbrief zur Hamburger Studie mit „Beliebtes Hausarzt-Bashing?“ überschreibt. Er bezeichnet zurecht die Beobachtungen der Studienautoren „als Reflexionen über historisch gewachsene, zyklische Krankenschein-Verhaltensweisen der Patienten. Es sind nicht die Hausärzte, sondern unsere Patientinnen und Patienten selbst, die zu Quartalsanfang sozusagen eine Abstimmung mit den Füßen einleiten … u.a. wegen den notwendigen Überweisungen zu den mitbehandelnden Fachärzten.“

In die gleiche Richtung zielt die Pressemeldung der KV Hamburg. Ihr Vorsitzender der Vertreterversammlung, Dr. Dirk Heinrich, bezeichnet die HCHE-Erkenntnisse als falsch: Die Abrechnungsdaten ließen keine Schlussfolgerungen zu, die auf einen Terminmangel am Quartals­ende hinweisen, es liege vielmehr in der Natur unseres budgetierten Systems, dass eine Praxis gegen Ende eines Quartals immer viele Patienten versorgt, für die die Pauschale bereits beim ersten Kontakt Wochen zuvor abgerechnet wurde. Hieraus einen Terminmangel zu konstruieren sei schlichtweg unseriös, dürfte die Pauschale doch kein zweites Mal angesetzt werden.

„Bei dieser Studie“, so Dr. Heinrich, „handelt es sich ganz offensichtlich um den Versuch, mithilfe fragwürdiger wissenschaftlicher Methoden grundlos die Arbeit der niedergelassenen Ärzte zu kritisieren. Es wäre viel eher angezeigt, sich ernsthafte Gedanken über die Beendigung der Budgetierung zu machen, damit Ärzte die Arbeit, die sie leisten, auch tatsächlich voll bezahlt bekommen.“ Dieses Ärzte-Bashing gibt es seit Anfang der 1970er Jahre. Als Beutelschneider wurden wir damals bezeichnet. Jetzt, unter Zuhilfenahme des Begriffs „alternative Fakten“, ist das noch einfacher geworden.

Dabei ist die Vorgehensweise immer die gleiche: Erst werden die Ärzte öffentlich wegen eines „Missstandes“ oder gar „Skandals“ an den Pranger gestellt, dann folgt ein neues Gesetz. So geschehen im Vorfeld des Antikorruptionsgesetzes. Und jetzt beim Arztinformationssystem zur Flankierung des Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetzes (AMNOG) läuft es wieder so.

Wir müssen uns hierzu eine Strategie überlegen und uns darum kümmern. Dank Social Media eigentlich kein Problem!