DAK erprobt neues Glukose-Messsystem

Gesundheitspolitik Autor: Antje Thiel

Abbott

Manchmal fallen Krankenkassen Abkürzungen ein, um ihren Versicherten neue Versorgungs­angebote machen zu können. So bietet die DAK-Gesundheit ab Juni ausgewählten Diabetes-DMP-Patienten ein neues Glukose-Messsystem als freiwillige Leistung an.

Diese DAK-Versicherten müssen sich künftig nicht mehr mehrmals täglich in den Finger stechen, um ihre Blutzuckerwerte zu bestimmen, sondern können einen kleinen vorkalibrierten Sensor und ein passendes Lesegerät für ihre Glukosemessungen nutzen. Der Sensor wird mit einem Applikator hinten am Oberarm angebracht und misst über einen dünnen Fühler minütlich den Glukosegehalt des Unterhautfettgewebes.

Glukoseverlauf in der Nacht ist keine Blackbox mehr

Mit einem sekundenkurzen Scanvorgang lassen sich – durch die Kleidung hindurch – die Messdaten jederzeit auslesen. Der Nutzer erhält nicht nur eine Momentaufnahme des Glukosewertes, sondern auch eine Verlaufskurve mit dem Glukoseprofil der letzten acht Stunden.

Bislang ist das Glukose-Messsystem „Freestyle Libre“ des Unternehmens Abbott keine Kassenleistung. Es kostet den Anwender monatlich gut 120 Euro. Dennoch stieß es seit seiner Markteinführung im Oktober 2014 in Diabetikerkreisen auf große Beachtung.

„Das Libre zeichnet zum Beispiel den Glukoseverlauf in der Nacht auf – das war für uns bislang immer eine Blackbox“, sagt der Diabetologen Professor Dr. Morten Schütt von der Universitätsklinik Lübeck Bislang konnte er Patienten nur auf einzelne Blutzuckerwerte ansprechen. „Aber das sind Mosaiksteinchen. Mit dem Freestyle Libre bekomme ich viel mehr Informationen, die ich gemeinsam mit dem Patienten für die Therapieplanung nutzen kann.“

Laut Prof. Schütt profitieren insbesondere insulinpflichtige Diabetiker mit häufigen Hypoglykämien, mit stark schwankenden Werten oder mit Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörungen von dem System. Aber auch Autofahrer oder Menschen, die im Berufsalltag häufig und unkompliziert ihre Glukosewerte im Blick haben  müssen.

Diese Gruppen will die DAK-Gesundheit mit ihrem Programm bevorzugt ansprechen. Zunächst wird ca. 1000 ausgewählten Versicherten aus den DMP Typ-1- und Typ-2-Diabetes eine Teilnahme angeboten, sagt Vorstandsmitglied Thomas Bodmer. Je nach Entwicklung der Lieferkapazitäten soll der Kreis ausgeweitet werden.

Bis Ende 2015 will man evaluieren, wie sich die Nutzung des Messsystems auf Parameter wie Hypoglykämien und HbA1C-Wert auswirkt. „Wir gehen hier neue Wege im Versorgungsmanagement“, sagt Bodmer. „Der geplante Innovationsfonds bietet künftig sicher auch Möglichkeiten. Doch zunächst einmal investieren wir mit diesem Angebot in unsere Mitglieder.“

In der Diabetes-Community stieß die Ankündigung der DAK-Gesundheit auf enor­mes Interesse, denn bislang war es nur wenigen gesetzlich Versicherten gelungen, ihre Krankenkasse von einer Kostenerstattung zu überzeugen.
Es ist wohl kein Zufall, dass just einen Tag vor der DAK-Pressekonferenz auch die Techniker Krankenkasse (TK) bekanntgab, sie werde ihren Versicherten im Rahmen eines neuen Gesundheits-Coachings die Kosten für das neue Messsystem zumindest anteilig erstatten.

Kassen und Hersteller geben sich  optimistisch, dass es das Produkt über kurz oder lang schafft, eine GKV-Leistung zu werden.

„Derzeit laufen große randomisierte Studien, anhand derer wir den Zusatznutzen des Systems belegen wollen“, erklärt Dr. Ansgar Resch von Abbott Diabetes Care. Sollte das System nachweislich dazu beitragen, bei insulinpflichtigen Diabetikern die Häufigkeit von Hypoglykämien zu verringern oder Stoffwechselverläufe zu stabilisieren, könnte sich der Gemeinsame Bundesausschuss einer Aufnahme in die Regelversorgung kaum verschließen.

Zurzeit ist die Studienlage allerdings noch nicht überzeugend: An der (noch nicht publizierten) Zulassungsstudie, in der die Messgenauigkeit des Systems untersucht wurde, nahmen nur 72 Probanden teil. Eine weitere Studie betrifft die Tauglichkeit der Werkskalibrierung von subkutanen Glukosesensoren und umfasste sogar nur 33 Diabetiker.

Datenschutzbeauftragten um Einschätzung gebeten

Fragen gibt es auch zum Datenschutz. Denn die Daten aus dem Scangerät lassen sich per USB-Kabel an den Rechner übertragen und mit der dazugehörigen Software aus dem Hause Abbott umfangreich auswerten. Hierbei werden offenbar Daten an einen Server der Abbott-Zentrale in den USA übertragen. Dr. Resch sagt hierzu: „Natürlich wollen wir wissen, wie unsere Geräte genutzt werden, doch diese Daten werden nicht personenbezogen gespeichert und alle Datenschutzrichtlinien werden eingehalten.“

Einige Anwender sind dennoch skeptisch und haben den Datenschutzbeauftragten des Landes Hessen eingeschaltet, dessen Einschätzung noch aussteht.

Ein weiterer Knackpunkt ist die Einbindung der Ärzteschaft. Derzeit gibt es das Messsystem nur im Direktvertrieb des Herstellers, sodass ein Diabetologe es nicht zwingend erfährt, wenn sein Patient plötzlich statt eines Blutzuckermessgeräts das Freestyle Libre nutzt. Auch in den Programmen von DAK und TK sind Schulungen durch Ärzte oder Diabetesberaterinnen nicht vorgesehen.

Immerhin zeigt das Handeln von DAK und TK, dass es manchmal schnell und unbürokratisch gehen kann, wenn Versicherte Zugang zu Innovationen fordern.