Der Medizin-Bachelor in Oldenburg - Interview mit Ministerpräsident McAllister

Gesundheitspolitik Autor: Jürgen R. Draxler

Staatskanzlei Hannover

Ärzte ohne Staatsexamen? Zum Wintersemester 2012/13 startet die von den Universitäten Oldenburg und Groningen gegründete - nicht unumstrittene - European Medical School. Medical Tribune sprach mit Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister darüber.

Auch wenn dies in Oldenburg und Hannover verdrängt wird: Der Wissenschaftsrat, das wichtigste wissenschaftspolitische Beratungsgremium von Bund und Ländern, hat dem Projekt European Medical School (EMS) im Jahr 2010 nur mit Bauchgrimmen zugestimmt. Er spricht von einer „Erprobungsphase“. Seine Kritik:

  • Nicht in allen für die Lehre erforderlichen Bereichen ist eine ausreichende Expertise ersichtlich.
  • Der Planungsstand zur Gründung eines selbstständigen Universitätsklinikums durch Zusammenschluss der drei Oldenburger Krankenhäuser ist unzureichend.
  • Der personelle Aufbau, der insbesondere durch Überleitungen der in den drei Oldenburger Kliniken tätigen außerplanmäßigen Professoren realisiert werden soll, genügt zum Großteil nicht den für eine universitäre Lehre und Forschung erforderlichen Standards.

Hinzu kommt: Das Studium soll an beiden EMS-Standorten weitgehend parallel laufen und zum Teil im Nachbarland stattfinden. Damit wird erstmals in Deutschland eine Medizinerausbildung mit wahlweise Bachelor- und Masterabschluss (in Groningen) oder Staatsexamen (in Oldenburg) angeboten. Der Bachelor kann nach sechs Semestern erworben werden. Er qualifiziert die Absolventen außerhalb des Arztberufes für, wie es die EMS vage formuliert, „Bereiche des Gesundheitswesens“.

Der Masterstudiengang eröffnet unter Umständen die Möglichkeit, das hiesige Staatsexamen zu unterlaufen und eine Approbation zu erhalten. Das geht aus einem Rechtsgutachten für die Universität Oldenburg hervor. Darin heißt es: Der erfolgreiche Abschluss des Studiums an der EMS wird allein deswegen zur ärztlichen Berufsausübung in Deutschland befähigen, weil mit dem niederländischen Abschluss eines Master of Science in Geneeskunde die Erlaubnis zur ärztlichen Berufsausübung in den Niederlanden einhergehen wird und die europarechtliche Anerkennung dieser Erlaubnis auch zu einer Approbation in Deutschland führen wird. 

Interview mit Niedersachsens Ministerpräsident
David McAllister

In Niedersachsen entstehen mit der EMS 40 Medizinstudienplätze. Die niedersächsische Regierung steuert bis 2015 insgesamt rund 49 Mio. Euro bei. Medical Tribune sprach mit Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister über das Thema.

David McAllister,  Ministerpräsident von Niedersachsen


Medical Tribune: Herr Ministerpräsident McAllister, Sie engagieren sich für die Einführung des Studiengangs Medizin in Oldenburg. Was ist Ihnen daran so wichtig? Sie haben dafür doch eine Wissenschaftsministerin.

McAllister: Wissenschaftsministerin Professor Dr. Johanna Wanka ist federführend verantwortlich für die European Medical School. Dass ich mich selbst auch mit diesem Thema beschäftige, liegt vor allem daran, dass wir hier ein kleines Stück europäische Geschichte schreiben. Es ist die erste grenzüberschreitende Medizinerausbildung innerhalb der EU und es unterstreicht die guten Beziehungen zwischen Niedersachsen und den Niederlanden.

Medical Tribune: Alternativ hätten Sie mehr Medizinstudienplätze in Hannover oder Göttingen einrichten können. Warum Oldenburg, wo es keine Fachrichtung Medizin gibt?

McAllister: Ja, wir haben traditionell hervorragende Ausbildungsangebote für Mediziner in Göttingen und Hannover. Doch in Oldenburg schaffen wir ein Leuchtturmprojekt für den Nordwesten. Es soll sowohl dazu beitragen, mehr junge Menschen dafür zu gewinnen, Medizin zu studieren, als auch, sich als Allgemeinärzte niederzulassen. Die Universität Oldenburg ist für dieses Projekt deshalb geeignet, weil sie mit der international renommierten Universität Groningen seit vielen Jahren zusammenarbeitet. Wegen der großen Entfernungen von Hannover oder Göttingen nach Groningen wäre eine erfolgreiche Zusammenarbeit so nicht möglich gewesen.

Medical Tribune: Dieses Projekt hat ja Kritik aus unterschiedlichsten Richtungen erfahren. Wird nach Ihrer Einschätzung die Entwicklung über diese Kritik hinweggehen?

McAllister: Die Kritik an dem Projekt ist spürbar weniger geworden. Alle Expertenkommissionen, einschließlich des Wissenschaftsrates, haben ihr Okay gegeben. Das Studium der Humanmedizin in Oldenburg orientiert sich an der Studienstruktur von Groningen und die niederländische Medizinerausbildung ist als hervorragend anerkannt.

Medical Tribune: In der Kritik spielt die Sorge vor einem „Bachelor med.“ eine nicht unerhebliche Rolle.

McAllister: Wir haben diese Diskussionen sachlich geführt. Für mich ist wichtig, dass es eine wissenschaftlich positive Begleitung gibt. Klar ist: Ein Arzt mit Bachelor-Abschluss wird nicht eingeführt. Ich bin mir sicher, dass die Kooperation ein erfolgreiches Modell wird. Dieser Studiengang schafft ein Stück regionale Identifikation. Es ist beeindruckend, wie das Projekt vor Ort von der
Wirtschaft und privaten Geldgebern unterstützt wird. Es bleibt die Kritik, dass hier durch die Hintertür ein Arzt ohne Staatsexamen eingeführt wird. McAllister: Die Studierenden an der EMS können das Staatsexamen in Oldenburg oder den Masterabschluss in Groningen erwerben. Alle Studierenden durchlaufen die gleiche Ausbildung. Der Masterabschluss in Groningen ist genauso hochwertig wie das deutsche Staatsexamen. Schon heute hat jeder deutsche Medizinstudent die Möglichkeit, in einem anderen EU-Staat zu studieren und anschließend bei vergleichbarer Güte des Studiums oder des Abschlusses hierzulande beruflich tätig zu werden. Den Wissenschaftsrat hat die Erprobung neuer Wege in der universitätsmedizinischen Lehre überzeugt.

Medical Tribune: Oldenburg hat kein Universitätsklinikum. Für die Ausbildung ist das doch ein Handicap.

McAllister: Es geht nicht darum, ein neues Universitätsklinikum zu errichten. Es ist eine enge Zusammenarbeit der Universität mit einzelnen Abteilungen von drei Krankenhäusern in Oldenburg vorgesehen. Dadurch werden die Gesamtkosten begrenzt.

Medical Tribune: Wie trägt dieses Projekt dazu bei, in Niedersachsen den Ärztemangel – insbesondere bei Allgemeinmedizinern – zu verhindern?

McAllister: In der Ausbildung sind allgemeinmedizinische Themen breit verankert. Es ist eine starke Vernetzung mit den Praxen vorgesehen. So kommen die Studierenden früh mit Hausärzten in Kontakt. Die Allgemeinärzte werden Patienten, Krankheitsbilder und deren Behandlung in Lehrveranstaltungen vorstellen. Sie unterstützen praktische Ausbildungsteile und ermöglichen den Studierenden Patientenbesuche. Dieses Netzwerk wird dann mit dem Forschungsschwerpunkt Versorgungsforschung der EMS eng verknüpft sein.

Medical Tribune: Was tut Ihre Regierung noch gegen Versorgungslücken?

McAllister: Seit Herbst 2010 fördert das Land diejenigen, die im praktischen Jahr des Medizinstudiums das Fach Allgemeinmedizin wählen. Im Projekt „MoNi“ werden Ärzte durch qualifiziertes Praxispersonal entlastet. Wir binden in Modellregionen die Kommunen in die Koordination des medizinischen Versorgungsgeschehens ein. Ein innovativer Versorgungsvertrag zwischen Krankenkassen und Ärzten wird die medizinische Versorgung von Pflegeheimbewohnern verbessern. Ein weiteres Modellprojekt ist die „Rollende Arztpraxis“.


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