Die den Schließmuskel wertschätzen lernte

Interview Autor: Anouschka Wasner

„Ich bin ein Fan vom Darm. Hinter unserem Bauchnabel passiert Unfassbares!“ © Ullstein Verlag, Berlin 2014

Die Eröffnungsrede des Patiententages zum 123. Internistenkongress hielt in diesem Jahr Giulia Enders. Die 27-jähirge Medizinerin schrieb vor drei Jahren das Buch „Darm mit Charme“. Es ist mittlerweile in über 40 Ländern erschienen und wurde zwei Millionen Mal verkauft.

Mit einem saloppen „Hallo“ begrüßte Bestsellerautorin Enders die geladenen Gäste zur Eröffnung des Patiententages. Gerade hat sie ihr Staatsexamen abgeleistet, jetzt erklärt sie souverän und anschaulich ihre Sicht der Dinge – und im Speziellen des Darms. Die Welt sehe lustiger aus, „wenn wir nicht nur das sehen, was man sehen kann“. Durch Wissen könnten sich neue Perspektiven ergeben, erklärt sie – zum Beispiel auf den inneren Schließmuskel: „Daraus ist bei mir eine Wertschätzung entstanden.“ Sicher ist: Ihr Verhältnis zum Darm ist positiv.

Das Publikum reagiert begeistert auf die Rednerin und die Kongresspräsidentin Professor Dr. Petra-Maria Schumm-Draeger bedankt sich bei Enders für die Einsichten, die auch langjährige Mediziner in dieses Organ bis jetzt noch nicht hatten. Damit meinte sie wohl nicht nur die harten medizinischen Fakten, sondern eben auch die Perspektive, die Enders in ihrer typischen sprachlich direkten und humorvollen Art sichtbar macht. Medical Tribne hat mit der Bestsellerautorin gesprochen.

Frau Enders, haben eigentlich auch Hausärzte auf Ihr Buch „Darm mit Charme“ reagiert?

Enders: Ich habe von einigen Ärzten gehört, dass das Buch für sie hilfreich ist, und zwar bei Patienten, deren Informationsbedarf den Zeitrahmen sprengt. Ich sehe das ja auch in der Klinik: Ärzte können das nicht alles leisten, die Informations-, die Präventions-, die Erklärarbeit, und die Diagnostik und Therapie.

Und beim Thema Reizdarm zum Beispiel, bei dem ja noch viele Fragen ungeklärt sind, kann das Buch dem Patienten zwar keine Lösungen bieten, aber vielleicht eine andere Art der Auseinandersetzung, weil es nicht nur krankheitsbezogen auf den Darm schaut – das kann manchmal auch gut tun.

Der Stil Ihres Buches lässt deutlich den Wunsch erkennen, „den Menschen Informationen direkt zu vermitteln“, wie Sie es mal formuliert haben. Wenn Ihnen der direkte Draht zum Patienten so am Herzen liegt: Haben Sie überlegt, sich als Hausärztin niederzulassen?

Enders: Ich bin einfach ein großer Fan des Darms, und es fällt mir leicht, hierzu alles zu lernen – zur Schilddrüse oder zur Leber kann ich das leider nicht so sagen. Vermutlich ist es also besser, einfach bei meinen Leisten zu bleiben. Ein guter Arzt schaut sich ja trotzdem immer den ganzen Patienten an, soweit es der Zeitrahmen eben erlaubt. Und es ist nicht umsonst in unserem System so, dass jeder eine andere Funktion hat, keiner ist wichtiger oder weniger wichtig als die anderen.

Hat Ihnen das Buch „Tür und Tor geöffnet“, werden Sie sich Ihren nächsten Karriereschritt frei aussuchen können?

Enders: Sicher ist: Ich werde mir jetzt eine Assistenzstelle in einer gastroenterologischen Klinik suchen, und es wird ein Klinikum sein, das sich eher mit dem Darm als mit der Leber beschäftigt. Ob das leichter für mich wird als für andere, weiß ich nicht – vielleicht wird es ja auch schwieriger, weil die Patienten erwarten, dass ich schon alles kann. Dabei muss ich erstmal genauso Erfahrungen sammeln wie andere Studenten und Absolventen auch. Das Gute ist: Ich werde eigentlich kaum erkannt in der Öffentlichkeit, mir hat sogar mal ein Arzt mein eigenes Buch empfohlen. Ich hoffe also auf einen relativ normalen Start.

Haben Sie bereits Werbeanfragen bekommen, zum Beispiel für Joghurt?

Enders: Ja, habe ich tatsächlich. Aber ich habe das Buch geschrieben, um Menschen zu informieren, nicht um Marketing zu machen. Es ist mir also nicht schwer gefallen, mich dagegen zu entscheiden.

Können Hausärzte aus Ihrem Buch noch etwas lernen?

Enders: Haus­ärzte kennen wahrscheinlich die meisten grundsätzlichen Inhalte – mal abgesehen vielleicht von den allerneuesten Erkenntnissen. Es ist ja auch unmöglich, immer auf dem neuesten Stand zu sein, ich glaube, im letzten Jahr sind 10 000 Papers zu diesem Thema erschienen. Aber vielleicht ist die Art der Erklärungen hilfreich, den Zugang zum Patienten zu bekommen.

Haben Sie eine Message, die Sie Hausärzten auf den Weg geben möchten?

Enders: Ja, eine „Botschaft“ hätte ich: Ich denke, besonders bei Durchfallerkrankungen von Älteren und Kindern ist der Stellenwert von Probiotika mittlerweile evidenzbasiert genug, um sie in der Praxis einzusetzen. Und es gibt auch Produkte, von denen ausreichend belegt ist, dass sie eine gute Wirkung haben und verträglich sind, wie z.B. Laktobazillus GG. Es wäre schön, wenn das den Einzug in noch mehr Praxen finden würde.