Die digitale Zukunft der Internisten: Übernimmt der „medizinische Autopilot“?

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Das microTAS ist längst bei Blutzuckertests im Diabetesbereich oder bei Schwangerschaftstests angekommen. © iStock.com/pittawut

Laborwerte gleich an Ort und Stelle erheben, Diagnoseempfehlungen durch Künstliche Intelligenz. In der Zukunft wird sich vieles verändern in der Medizin. Auch der Arzt wird ein anderer werden. Davon gehen Internisten aus.

„Perspektiven 2025“ überschreibt die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) ihr aktuelles Positionspapier, das die künftigen Herausforderungen für die Ärzte beschreibt. Die Digitalisierung sei die wichtigste Entwicklung der Gegenwart, sie werde die Medizin durchgreifend verändern, meint der DGIM-Vorsitzende Professor Dr. Claus Franz Vogelmeier : „Ob wir wollen oder nicht, wir müssen uns der Thematik stellen, wenn wir sie beeinflussen wollen.“ Pro und Kontra will die Fachgesellschaft verdeutlichen „und dem Doktor die Sorge nehmen, dass er überflüssig wird“, wie Prof. Vogelmeier darlegt.

Lab-on-a-Chip bald so verbreitet wie Smartphones

Professor Dr. Klaus Stefan Drese, Leiter des Instituts für Sensor- und Aktortechnik an der Hochschule Coburg, machte am Beispiel „Lab-on-a-Chip“ den Fortschritt deutlich. Es handelt sich um eine Blutanalyse, die schnell vor Ort zu erledigen ist – ein Micro Total Analysis System (microTAS). Längst angekommen ist das bei Blutzuckertests im Diabetesbereich oder bei Schwangerschaftstests. In den USA wird die Mikrofluidik, wie Prof. Drese berichtet, routinemäßig in Notaufnahmen zur Bestimmung von Notfall- und Herz-Kreislauf-Parametern verwendet. Inzwischen sei es auch möglich, Bakterien und Resistenzen in Lab-on-a-Chip-Systemen nachzuweisen.

Noch würden die meisten dieser Systeme aus hygienischen und Kontaminationsgründen nur einmal genutzt. Es sei aber davon auszugehen, so der Coburger Physiker, dass die Technologie „in den nächsten zehn Jahren ähnlich weit verbreitet sein wird wie Smartphones“.

Kein Mensch kann sich das alles noch merken - KI hilft

Der Neurowissenschaftler und Unternehmer Dr. Martin Hirsch kennt die Chancen und Grenzen der digitalen Anamnese. Er verweist darauf, dass je nach Erfassung zwischen 12 000 und 30 000 Erkrankungen definiert sind und dafür 10 000 Befundmöglichkeiten zur Verfügung stehen: „Kein Mensch kann sich das alles merken.“ Es müsse daher darum gehen, Tools und Systeme zu entwickeln und einzusetzen, die helfen, dieses Wissen zu strukturieren und nutzbar zu machen, erklärt der Gründer der Berliner Ada Health GmbH. Die App Ada, die auch von der Techniker Krankenkasse genutzt wird, unterstützt hierbei. Sie bietet eine personalisierte Symptomanalyse.

Künftig sollen Ärzte noch umfassender als bisher in diesen Prozess eingebunden werden, so Dr. Hirsch. Er kann sich auch vorstellen, dass solche Unterstützungssysteme mit Lab-on-a-Chip kombiniert werden, was insbesondere in Entwicklungsländern die Medizin verbessern könnte. Arzt und Assistenzsystem sieht er als eine Einheit, „aber einer muss die Verantwortung übernehmen“, das sei der Arzt. Dass dieser künftig dafür noch so viel Wissen im Medizinstudium erlernen muss wie heute, bezweifelt der Forscher. Grundwissen ja, aber wahrscheinlich nicht das, was die KI übernehmen kann.

Die Sorge mancher Kollegen, dass es einen „medizinischen Autopiloten“ geben wird, teilt auch Professor Dr. Friedrich Köhler nicht.

Kassen müssen Telemedizin ausreichend bezahlen

Er ist Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin an der Charité Berlin und beteiligt am Forschungs- und Entwicklungsprojekt „Gesundheitsregion der Zukunft Nordbrandenburg – Fontane“, das große Vorteile der Telemedizin für Patienten mit Herzinsuffizienz belegte. Prof. Köhler hofft, dass die Telemedizin in Erstattungsverhandlungen mit den Kassen adäquat berücksichtigt wird. Ins DMP Herzinsuffizienz sollte ein Digital-Modul implementiert werden und für Telemedizinzentren fordert er Vorgaben für Qualität und technische Standards. 

Quelle: DGIM-Pressekonferenz


Dr. Claus Franz Vogelmeier; Vorsitzender der DGIM © Uniklinikum Marburg u. Gießen