Dr. Werner Bartens: Mehr Medizin macht nicht zwangsläufig gesünder

Gesundheitspolitik Autor: Michael Reischmann

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„Warum die Medizin die Menschen krank und das Land arm macht“, erklärt der Wissenschaftsjournalist Dr. Werner Bartens in seinem neuen Buch „Heillose Medizin“.

Dr. Bartens, mit Journalistenpreisen ausgezeichneter Wissenschaftsredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, Gast in Fernseh-Talkshows und Verfasser von Bestsellern wie dem „Ärztehasser-Buch“, gehört zu den Ärzten mit Breitenwirkung. Und die wird er auch mit seinem neuen Sachbuch wieder haben.

Seine zentrale These zu den „heillosen Zuständen“ lautet: „Da mit der Untersuchung und Behandlung Gesunder wie Kranker viel Geld zu verdienen ist, haben Kaufleute die Medizin zu einer Industrie gemacht und die Krankenbehandlung ökonomisiert. Weder Patienten noch Ärzten ist das gut bekommen.“

Solange die Medizin nach Kriterien von Markt und Wachstum bemessen wird, kletterten die Ausgaben weiter. Für Kranke wichtige Werte wie Zeit, Geborgenheit und Barmherzigkeit bleiben in der Medizinwirtschaft auf der Strecke.

„Mehr Medizin macht nicht zwangsläufig gesünder – sondern manchmal sogar kränker.“ Dr. Bartens führt viele Beispiel für die kritisierte Ökonomisierung an: Vermehrung der Behandlungsanlässe durch Absenken von Grenzwerten und die Definition von „Prä“-Stadien, Überdiagnosen und Übertherapien, z.B. bei Privatpatienten und in der Onkologie, unnötige Kontrollen, neue Therapien ohne nachgewiesenen Patientennutzen, überflüssige IGeL oder Operationen, die Ärzte für sich selbst, ihre Angehörigen sowie Juristen und deren Ehepartner weniger in Betracht ziehen als im Bevölkerungsdurchschnitt.

Gibt es noch Ärzte, denen man vertrauen kann?

Viel Raum widmet er dem Thema der (fehlenden) Evidenz. Nicht zu knapp fällt die Kritik an der Studienpolitik und dem Vermarktungsverhalten von Pharma- und Medizinprodukteindustrie aus.

Bei der Buchpräsentation in Berlin saßen auch die Professoren Dr. Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums, und Dr. Jürgen Windeler, Leiter des IQWiG, auf dem Podium. Sie kommen in Dr. Bartens‘ Buch mehrfach zu Wort und steuerten auch live Beispiele aus ihrer langjährigen Erfahrung als Wissenschaftler bei.

Den politischen Part übernahm Professor Dr. Karl Lauterbach, gesundheitspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, dem das Buch „sehr gut gefallen hat“. Er versprach bei einem Bundestagswahlsieg Maßnahmen wie Einschränkungen bei IGeL oder einen Härtefallfonds für Behandlungsfehleropfer sowie Klageunterstützung durch die Krankenkassen. Die SPD will sich im Fall ihrer Regierungsverantwortung an ihren jetzigen (als Opposition erfolglosen) Anträgen messen lassen.

Warum werden die zum Teil lange bekannten Fehlanreize und -entwicklungen nicht durch die Ärzte und ihre Institutionen abgestellt? Und gibt es überhaupt noch vertrauenswürdige Ärzte?, wurde das Podium gefragt. Die Antworten von Prof. Antes und Dr. Bartens lauten: Es wird zu wenig beachtet, dass medizinische Maßnahmen auch Schäden verursachen können – was tradiert sei, werde nicht angekratzt. Und ja, sie selbst haben in ihrem Bekanntenkreis Ärzte, denen sie vertrauen.

Dr. Bartens plädiert für eine bessere, leistungsabhängige Honorierung der Ärzte und für die Stärkung der Rolle des Hausarztes in Studium und Gesundheitswesen. „Die weitere Industrialisierung der Medizin muss gestoppt werden.“ Die Ärzte sollen sich nicht hinter Technik verstecken. Das psychosomatische Denken ist in jeder Fachdisziplin zu verankern.

Er fordert eine Positivliste – 1500 statt 60 000 Medikamente sind genug. „Mit überflüssiger Medizin muss endlich Schluss sein!“ Die PKV soll abgeschafft werden. Und: „Weg mit dem Gesundheitsministerium, solange es nicht die Gesundheit der Menschen, sondern die Gesundung der Medizinindustrie im Sinn hat.“

„50 bittere Wahrheiten“ für die Patienten

Wer das Buch nicht komplett lesen möchte, kann sich auf die Innenseiten des Deckels beschränken. Dort fasst der Autor den Buch­inhalt in „50 bitteren Wahrheiten, die Patienten kennen sollten“ zusammen. . Übrigens: Wer Anregungen für eine bessere Medizin hat, möge sich bitte bei ihm melden, lädt der Journalist auf seine Homepage ein – www.werner-bartens.de

Werner Bartens: Heillose Zustände – warum die Medizin die Menschen krank und das Land arm macht. Droemer-Knaur, 224 Seiten, 18 Euro

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