Eine Anlaufstelle im vertrauten Milieu

Gesundheitspolitik Autor: Antje Thiel

Drei neue Schwerpunktpraxen sollen den Gesundheitszustand von Wohnungslosen in Hamburg verbessern. Ein Besuch der ­ärztlichen Sprechstunde in der Übernachtungsstätte „Pik As“.


Sprechstunde in der Obdachlosen-Übernachtungsstätte Pik As, Mittwochnachmittag, 15:45 Uhr. Im gepflasterten Innenhof der Hamburger Obdachlosen-Übernachtungsstätte Pik As haben sich etwa zehn Männer versammelt, die darauf warten, dass sich die Tür zum kleinen gelben Pavillon öffnet und „Frau Doktor“ mit ihrer wöchentlichen Sprechstunde beginnt. „Frau Doktor“, das ist Martina Rüllmann, Fachärztin für Allgemeinmedizin in einer hausärztlichen Gemeinschafts­praxis.

Rezept des Notarztes aus Geldmangel nicht eingelöst


In einem Pavillion hält die Hamburger Allgemeinärztin Martina Rüllmann ihre wöchentliche Sprechstunde für Obdachlose ab.

Seit Anfang Juni 2013 kümmert sie sich einmal pro Woche um die Gesundheit der Pik-As-Bewohner und anderer Wohnungsloser. Dabei wird sie unterstützt von dem Pfleger Jörg Wiltschek, der im Auftrag eines Pflegedienstes zweimal wöchentlich im Pik As nach dem Rechten sieht.


Eine weitere Hausärztin hält montags Sprechstunde, zweimal pro Woche findet auch eine psychia­trische Sprechstunde statt. Der Pavillon ist eine von drei Schwerpunktpraxen, die im Rahmen eines Umsetzungskonzepts  in Hamburg Wohnungslose ärztlich versorgen. Der Pavillon birgt ein Behandlungszimmer und ist ausgestattet mit Schreibtisch, Rollcontainer und Besucherstuhl, Untersuchungsliege, Waschbecken, EKG-Gerät und Arzneischrank.

Hemmschwelle, sich an eine reguläre Praxis zu wenden 

Patient Nummer eins ist ein 56-jähriger Mann, der ein Rezept für seine COPD-Medikamente benötigt. Patient Nummer zwei, Jahrgang 1992, zeigt sein schmerzendes Ohr. Vor ein paar Tagen hat er in der Nacht schon einmal den Notarzt gerufen, weil Blut und Eiter aus dem Ohr gelaufen waren und er Schmerzen hatte. Der Notarzt hatte ihn untersucht und ein Antibiotikum verschrieben. „Warum haben Sie das Rezept nicht eingelöst?“, fragt Rüllmann. „Ich hatte kein Geld“, antwortet der Mann.


Rüllmann untersucht sein Ohr und stellt fest, dass infolge einer eitrigen Mittelohrentzündung das Trommelfell geplatzt ist. Sie gibt dem obdachlosen Patienten Penicillin und ein Schmerzmittel mit, das sie in ihrem Arzneischrank vorrätig hat. Außerdem empfiehlt sie, dreimal täglich zu inhalieren, damit die Schleimhäute abschwellen und die Nase frei bleibt. Der junge Mann schaut sie etwas ratlos an. „Gibt es hier denn die Möglichkeit zu inhalieren?“, fragt Rüllmann. „Nee, das geht hier nicht“, sagt ihr Patient zerknirscht. Doch Pfleger Jörg hat eine Idee: „Ich bin am Freitag wieder hier, dann kommst du zu mir und kannst im Pflegebad inhalieren, einverstanden?“


Ein weiterer Patient kommt zur Nachuntersuchung und zeigt Rüllmann seinen Ellenbogen. Er war vor ein paar Wochen mit einer Schleimbeutelentzündung zu der Ärztin in die Sprechstunde gekommen. „Da habe ich mich aber nicht herangetraut“, sagt Rüllmann, „ich habe ihn zum Chirurgen geschickt, wo er auch hingegangen ist, um sich operieren zu lassen.“ Der Ellenbogen sieht gut aus, Patient und Ärztin sind zufrieden.


Dass ihre Patienten tatsächlich einmal eine „normale“ Arztpraxis aufsuchen, ist aber eher die Ausnahme. „Viele Wohnungslose haben eine große Hemmschwelle, sich an eine reguläre Praxis zu wenden“, so Rüllmann. „Sie haben Angst, geschimpft zu werden, weil sie natürlich wissen, dass ihre schlecht heilende Wunde nicht erst seit gestern da ist und längst einmal von einem Arzt hätte untersucht werden müssen.“

Das übliche Spektrum an Erkrankungen – plus Läuse

Tatsächlich mache die Wundbehandlung einen Großteil ihrer Arbeit aus, berichtet Rüllmann. „Das Leben auf der Straße ist der Hygiene natürlich nicht zuträglich, viele tragen wochenlang die gleiche Kleidung, da können Wunden nur schwer heilen.“ Ansonsten sieht die Ärztin im Pik As überwiegend das normale Spektrum einer hausärztlichen Praxis, also Herzprobleme, Diabetes oder Asthma. Pfleger Jörg fügt hinzu: „Und Läuse. Damit haben wir auch viel zu tun.“ Am Eingang zum Sprechzimmer hängt ein Zettel, der die wichtigsten Verhaltensregeln bei Läusebefall zusammenfasst. Rüllmann ergänzt: „Viele der Patienten sind aber auch psychisch erkrankt. Deshalb ist es gut, dass hier nun auch eine regelmäßige psych­iatrische Sprechstunde stattfindet.“




Die Zahl der Wohnungslosen hat in Hamburg stark zugenommen, seit der Arbeitsmarkt innerhalb der Europäischen Union geöffnet wurde. Schätzungen zufolge leben derzeit mindestens 4500 Menschen in öffentlicher Unterbringung oder auf der Straße.
Die gesundheitliche Situation dieser Menschen ist prekär: Die schwierigen Lebensbedingungen begünstigen die Entstehung und Chronifizierung von Krankheiten. Menschen ohne festen Wohnsitz haben ein stark erhöhtes Risiko, früh zu sterben. In Hamburg liegt das durchschnittliche Todesalter von Wohnungslosen bei 46 Jahren.


Dass es mithilfe der neuen Schwerpunktpraxen gelingen könnte, die meisten wohnungslosen Patienten in die Regelversorgung zu überführen, wie die Vertragspartner es sich erhoffen, bezweifelt Rüllmann. „Etwa die Hälfte meiner Patienten hier hat keine Krankenversicherungskarte und kann gar nicht in reguläre Praxen gehen“, sagt die Ärztin. „Und auch die anderen haben oft den Eindruck, in den Arztpraxen schief angeschaut zu werden. Ihr Milieu ist nun einmal hier, und genau hier braucht man deshalb eine Anlaufstelle.“

Wirken der Frau Doktor hat sich schnell herumgesprochen

Obwohl Rüllmann mit ihrer Sprechstunde so nah am vertrauten Milieu der Wohnungslosen ist, war der Start Anfang Juni kein Selbstgänger. Pfleger Jörg erinnert sich: „Zur ersten Sprechstunde waren nur vier Patienten hier, und auch die waren eher skeptisch. Ich habe ihnen Mut gemacht und gesagt, dass Frau Doktor nicht beißt und schon ganz andere Dinge gesehen hat. Das hat sich schnell herumgesprochen. Jetzt machen wir hier meist nonstop von 16 bis 20 Uhr Sprechstunde und die Patienten nehmen es gut an.“


Tatsächlich finden sich auch an diesem Nachmittag immer wieder neue Patienten im Innenhof des Pik As ein, um auf eine Behandlung zu warten. Einer von ihnen erzählt, dass er seit einer Woche wieder im Pik As lebt, nachdem es eine Weile ganz gut gelaufen sei. Doch dann sei die Beziehung zu seiner Ex-Freundin in die Brüche gegangen: „Da ging auf einmal nichts mehr.“

„Ich werde immer ein Abhängiger bleiben“

Ein anderer berichtet über seine Heroinabhängigkeit und seinen Gefängnisaufenthalt: „Nachdem ich aus dem Knast entlassen war, bin ich rückfällig geworden und habe gleich die zweite Miete meiner Wohnung nicht gezahlt, also hat der Vermieter mich rausgeschmissen.“ Seine Zukunft sieht er realistisch: „Ich werde immer ein Abhängiger bleiben. Sobald ich Geld in der Tasche habe, verspüre ich den Wunsch, mir etwas zu kaufen, das ich injizieren kann.“ Aktuell sei er im Methadon-Programm, hoffe aber, bald mit der Diamorphin-Substitution beginnen zu können und damit Schritt für Schritt den Ausstieg aus der Szene zu schaffen. „Ich will wieder am Sozialleben teilhaben, einen Job haben und normal leben.“


An die Hauswand am Eingang zum Pik As hat jemand geschrieben: „Die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen bringen.“ Nach Tanz sieht es noch nicht aus im Freiluft-Wartezimmer des Pik As –  aber immerhin nach einem Aufbruch.

Michael Zapf