Es keimt die Angst 
vor Keimen

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Die Forderung nach selbstbewussten Patienten ist geradezu zynisch, meint Kögler. © thinkstock

Das Mortalitätsrisiko unter multiresistenten Keimen - in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Die Zahlen sind alarmierend. Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts infizieren sich in deutschen Krankenhäusern jährlich rund 600 000 Menschen mit resistenten Keimen und 15 000 sterben sogar daran. Wenn sich diesbezüglich nichts ändert, wird sich die Zahl der Toten wohl noch drastisch erhöhen. Das geht aus einer Analyse einer Berliner Forscherin hervor.

Für Europa würde dies bis 2050 einen Anstieg auf 400 000 Tote bedeuten. Damit würden dann mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs! In der TV-Talkrunde "Hart aber fair" wurde unlängst deutlich, dass eine Lösung des Problems in absehbarer Zeit nicht in Sicht ist.

"2050 sterben wohl mehr Menschen an multiresistenten Erregern als an Krebs"

Sparmaßnahmen und daraus resultierender chronischer Personalmangel sorgen seit geraumer Zeit in den Kliniken für erhebliche Defizite in Sachen Hygiene. Die fortschreitende Privatisierungswelle und damit einhergehendes Outsourcing beispielsweise der Reinigungsaufgaben an externe Dienstleister sind ein Grund für das Desaster. Aber auch die Verschreibungspraxis bei Antibiotika, die die Entwicklung von Resistenzen bei Bakterien fördert, trägt gewiss dazu bei.

Das Zögern der pharmazeutischen Industrie, neue Antibiotika zu entwickeln, weil ihr die Gewinnmargen nicht hoch genug sind, tut ein Übriges. Neue Behandlungsansätze wie der Einsatz von Bakteriophagen werden in Deutschland zudem kaum vorangetrieben.

Eine wenig überzeugende Vorstellung in der eingangs erwähnten Fernsehsendung gab einmal mehr Gesundheitsminister Hermann Gröhe. Er plant zwar Untergrenzen beim Personaleinsatz in der Pflege, doch sollen diese vorerst nicht von der Politik festgelegt werden, sondern von Krankenkassen und Kliniken. Warum der Minister nicht kraft seines Amtes selbst über einen Pflegeschlüssel entscheidet, bleibt wohl sein Geheimnis.

Gröhes Hinweis, Krankenhaus-Besucher, die sich nicht gründlich genug die Hände waschen, seien mitverantwortlich für die Misere, mutete zudem hilflos an. Außerdem empfahl er, "selbstbewusste Patienten" sollten den behandelnden Arzt doch ermahnen, hygienisch einwandfrei zu arbeiten. Das, Herr Minister, ist geradezu zynisch!

"Jeder Klinikaufenthalt kann zur tödlichen Falle werden"

Angesichts derartiger Rat- und Tatenlosigkeit darf es Sie nicht wundern, wenn sich Ihre Patienten mittlerweile selbst vor Routineeingriffen im Krankenhaus fürchten. Die Angst vor der Ansteckung mit resistenten Keimen ist groß und wird weiter zunehmen. Die Ulmer OP-Schwester Jana Langer hat es kürzlich in einem offenen Brief an die Bundesregierung auf den Punkt gebracht: "Jeder Klinikaufenthalt kann zur tödlichen Falle werden!" Und Ihnen als einweisendem Arzt stehen derzeit kaum geeignete Argumente zur Verfügung, die zur Beruhigung besorgter Kranker beitragen könnten …