Eugen Bruddler singt vom letzten Landarzt

Gesundheitspolitik Autor: Michael Reischmann

Dr. Wolfgang Kaiser alias Eugen Bruddler.

Sie kennen noch nicht das tragikomische Lied vom „letzten Hausarzt“? Dann suchen Sie auf www.youtube.de nach „Dr. med. Eugen Bruddler“. Hinter dem lokalen Video-Star verbirgt sich ein echter Vertragsarzt.

Große Brille, Schiebermütze und auf Schwäbisch singend. So tritt Eugen Bruddler im Internet in selbst gedrehten Videos auf. Seine Bilder und Themen stammen aus dem Zabergäu im Landkreis Heilbronn, etwa von dessen Wein und Sandstein. Sein neues Lied widmet Eugen Bruddler „dem letzten Hausarzt auf dem Land“ – „sein weißer Kittel hängt jetzt an der Wand“.

Ein Arzt stapft durch den Schnee zum Hausbesuch

Dabei zeigt Herr Bruddler stilechte Bilder aus dem Praxisbetrieb, zum Beispiel eine Blutabnahme oder das Unterschreiben eines Rezepts. Er singt davon, dass ein Arzt damit leben muss, von Gesundheitspolitik und Medien als „Handlanger der Pharmaindustrie“, „Betrüger“ oder „Pfuscher“ tituliert zu werden.

Und davon, was den Patienten nach der Praxisschließung des letzten „Medicus domesticus“ (in der Ahnenreihe von T. Rex und Mammut) fehlen wird: z.B. die Hausbesuche, die der Doktor auf einem Motorroller der DDR-Marke Schwalbe oder zu Fuß durch verschneite Wingerte auf sich nimmt. Es gibt kein Sonogramm und kein Labor mehr, singt Bruddler, kein Endoskop wird mehr in „kranke Mäge“ geschoben, das EKG kommt in die Kiste.

Was hier online in viereinhalb Minuten Satire abläuft, ist das Ergebnis einer One-Man-Show. Der Mann ist Dr. Wolfgang Kaiser, Jahrgang 1959, seit 1996 in eigener Facharztpraxis für Neurologie und Psychiatrie in Brackenheim tätig, der nach eigenen Angaben größten Weinbaugemeinde Württembergs.

Zu Dr. Kaisers Hobbys gehören nicht nur Malerei und Imkerei sowie das Sammeln von Schildkrötenfiguren, die die Praxis bevölkern, sondern auch ein Kanal bei Youtube. Dort hat er als Eugen Bruddler (und der wiederum auch mal in Gestalt von Udo Lindenberg oder Conchita Wurst) mittlerweile ein Dutzend selbst gedrehter Videos eingestellt.

Dabei macht Dr. Kaiser fast alles selbst: Musik, Drehbuch, Hauptrolle, Kamera, Schnitt. Inklusive Special Effects wie Stop-Motion- oder Bluescreen-Technik. Was ihn als Nächstes reizen würde, wären Flugaufnahmen mit einer Drohne. Für das verwacklungsfreie Filmen der Fahrt auf der Schwalbe im Hausarzt-Video benö­tigte der Nervenarzt allerdings die Hilfe von Tochter und Schwiegersohn, die ihn vom daneben fahrenden Auto aus aufnahmen. Und für die Blutabnahme musste der Sohn seinen Arm hinstrecken.

Songschreiber, Regisseur, Kameramann und Darsteller

Nachdem Dr. Kaiser/Bruddler zunächst bekannte Lieder wie Yesterday oder Aquarius (Hair) mit neuen Texten coverte, schreibt er mittlerweile auch die Songs selbst. „Meine Frau flucht“, berichtet der Arzt auf die Frage, wie viel Zeit ihn das Erstellen eines Videos kostet. Über den Daumen gepeilt rechnet er pro Filmsekunde mit einer Stunde Arbeit.

Ideen für weitere Videos hat er bereits im Kopf. Meistens kommen Sie ihm „morgens beim Rasieren“, wenn er ein Lied im Radio hört. Auf Musik und Text folgen dann das Filmen der selbst gespielten Szenen in und um Brackenheim plus der Schnitt.

Sogar der Südwestrundfunk ist auf den umtriebigen Arzt aufmerksam geworden und hat einen Fernsehbeitrag über ihn gemacht (der ebenfalls auf Youtube zu sehen ist).

Entstanden ist die Figur des Eugen Bruddler anlässlich einer Geburtstagsfeier eines hausärztlichen Freundes, erzählt Dr. Kaiser. Dieser habe ein Faible für Selbstzahlerleis­tungen, insbesondere mit Nahrungsergänzungsmitteln, und das habe er auf die Schippe genommen.

Aus einem Fetengag wurde ein Internethobby

Den Landarztmangel sieht Dr. Kaiser allerdings als ein ernstes, bereits bestehendes Problem. In seinem Umkreis arbeiteten zwei haus­ärztliche Kollegen im Alter von über 70 Jahren. Er selbst sei ebenfalls ein „lebendes Fossil“, denn Nervenärzte gebe es nicht mehr, nur noch Neurologen oder Psychiater. Für diese sei allerdings eine Praxis auf dem Land wirtschaftlich uninteressant, weshalb wohl auch seiner Einzelpraxis ein nachfolgerfreies Ende drohe.

Wer meint, solcher Kummer müsse im Wein ertränkt werden, dem sei noch das Eugen-Bruddler-Video „Nie wieder Trollinger!“ (Director‘s cut) empfohlen.