Freie Arztsitze: Ist Berlin unterversorgt?

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

MT

In der Hauptstadt sind neue Arztsitze frei geworden, also kann von Überversorgung keine Rede mehr sein. Diese Argumentation der KV finden die Kassen „absurd“.

„Statt einer Überversorgung herrscht eine Unterversorgung. Insbesondere gilt das für die Versorgung an Hausärzten“, erklärt der Berliner KV-Vize Dr. Uwe Kraffel. Sein Bestreben: Dieser „alarmierende Zustand soll schnellstmöglich abgeschafft werden“. Die Krankenkassenverbände kontern: „Berlin ist zahlenmäßig sowohl im Haus- als auch im Facharztbereich gut aufgestellt.“ Sie werfen der KV vor, mit absurder Polemik unnötige Ängste zu schüren, und verlangen „Sachlichkeit und Differenzierung“.

Hintergrund der konträren Äußerungen ist eine Entscheidung des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen. Dieser hatte nach einer aktuellen Überprüfung 74 gesperrte Arztsitze für Niederlassungswillige wieder freigegeben. 47 Sitze entfallen dabei auf Hausärzte, zehn auf Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten, vier auf Anästhesisten, neun auf Gynäkologen und vier auf Urologen. Im letzten Jahr waren bereits Praxissitze für 19 Hausärzte und vier Anästhesisten entsperrt worden. Die Basis der diesjährigen Entscheidung bilden aktuelle Demografiefaktoren, der Bevölkerungszuwachs in der Hauptstadt sowie Strukturveränderungen, die sich durch die Gründung von MVZ und bisher nicht nachbesetzte Vertragsarztsitze ergeben haben.

Höhere Arztkonzentration in lukrativen Stadtteilen

Während die KV erklärt, nun sei „die beharrlich von Krankenkassenvertretern wiederholte These der vermeintlichen Überversorgung in Ballungsräumen zu Recht ad ab-surdum geführt“, betonen die Kassen, mit der Entsperrung sollen nur die Versorgungsunterschiede in den einzelnen Bezirken beseitigt werden.

Seit dem Jahr 2003 wird ganz Berlin als ein Planungsbezirk betrachtet. Bei allen 16 beplanten Arztgruppen beträgt der Versorgungsgrad über 100 % (Stand 1.1.2012). Anästhesisten, Gynäkologen, Urologen und Haus­ärzte liegen bei rund 108 %, alle anderen Facharztgruppen zum Teil deutlich darüber. Ein Blick auf die Zahlen der zwölf Bezirke zeigt jedoch, dass die Versorgung innerhalb der dreieinhalb Millionen Einwohner zählenden Stadt durchaus nicht ausgeglichen ist. So liegt der Versorgungsgrad bei Hausärzten im lukrativen Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf bei knapp 150 %. In Neukölln, Treptow/Köpenick und Lichtenberg sind es dagegen nur knapp 90 %. Als unterversorgt gelten diese Bezirke dennoch nicht, denn Unterversorgung be­ginnt bei Haus­ärzten definitionsgemäß erst bei unter 75 %.

Interessant dürfe werden, ob es die KV schafft, die offenen Arztsitze genau dort zu besetzen, wo die Ärzte fehlen. Einfluss auf die Betrachtung der Versorgungslage kann auch die neue Bedarfsplanung ab 2013 nehmen. Deren Grundzüge sollen laut KBV bis zum Sommer ausgearbeitet sein.