Gewalt, Diebstahl und Kindesentführung in Kliniken

Gesundheitspolitik Autor: Klaus Schmidt

Immer wieder „entführen" getrennt lebende Elternteile ihre Kinder von Säuglingsstationen. (Agenturfoto) © Elnur – stock.adobe.com

Klinikmitarbeiter erleben heutzutage, dass Gewalt am Arbeitsplatz „nichts Besonderes” mehr ist. Auch Diebstahl spielt auf den Stationen eine beachtliche Rolle. Die Krankenhäuser müssen sich dazu etwas einfallen lassen.

Krankenhäuser rufen Schwellenängste hervor. Gute Krankenhaus-Architektur will solche Ängste nehmen und unterstützt deshalb den Anspruch der Kliniken, offene Häuser zu sein. Dem steht jedoch der Ruf nach Sicherheit entgegen, erklärt Architekt Alexander Deutschmann. Aggression gegen Sanitäter, Ärzte und andere Helfer hat jedenfalls überall im Land dazu geführt, dass Krankenhäuser Sicherheitsdienste beauftragen.

Berichte über Gewalt nehmen auf erschreckende Weise zu. In einem Berliner Krankenhaus hat z.B. ein 72-jähriger Patient seinen behandelnden Arzt erschossen. In Bremen kam es vor einer Notaufnahme zu einer Massenschlägerei. Eine Nürnberger Klinik beklagt, es komme immer wieder zu körperlichen Attacken. Insbesondere die Beschäftigten in den Notaufnahmen sind Gereiztheit, Wut und Gewalt ausgesetzt, berichtet Michaela Hutzler, stellvertretende Pflegedirektorin am Klinikum Weiden/Oberpfalz. Nach ihren Worten wurden zwei Drittel aller Mitarbeiter im letzten Jahr angegriffen. Die meisten Vorfälle ereigneten sich in den frühen Abendstunden.

Hohe Aufklärungsquote bei Rohheitsdelikten in Bayern

In Weiden wurden bauliche Maßnahmen ergriffen wie z.B. eine Video­überwachung. Sie liefert Hinweise, ob und wie eingegriffen werden muss. Ein Sicherheitsdienst ist in den Kliniken eingezogen mit Kos­ten von ca. 25 000 Euro im Jahr. Als wichtig erachtet Hutzler die Aufklärung und Schulung der Mitarbeiter, etwa ein Deeskalationstraining.

Die Polizei vermeldet bei Gewalt, den sog. Rohheitsdelikten, eine hohe Aufklärungsquote. Die einfache Körperverletzung steht bei den Delikten an der Spitze, sagt Kriminal­oberkommissar Stefan Streifeneder, Leiter des Sachgebiets Prävention beim Bayerischen Landeskriminalamt. Von 540 Rohheits­delikten in den ca. 400 bay­erischen Krankenhäusern wurden 506 aufgeklärt, 34 nicht.

Ziel der Hospitäler müsse es sein, die Mitarbeiter zu schützen, das betriebliche Gesundheitsmanagement zu erweitern, die Anwesenheitszeiten der Sicherheitsdienste zu erhöhen und die Zusammenarbeit mit der Polizei zu intensivieren, rät Streifeneder.

Die Tatverdächtigen bei Gewaltverbrechen sind überwiegend Männer. Bei einem Drittel der Fälle ist Alkohol im Spiel. Die Quote der Ausländer ist gleichbleibend.

Nach der Einschätzung von Marco Zipfel, Pflegedirektor und stellvertretender Direktor der Kinderklinik am Regiomed Klinikum Coburg, erregen Ereignisse in Säuglingsstationen öffentlich besondere Aufmerksamkeit: Mal hat eine Mutter ein falsches Kind mitgenommen, mal hat ein getrennt lebender Vater unzulässig ein Kind an sich genommen. Wegen der Entführungsgefahr ist nach Zipfels Erfahrung der Umgang mit getrennten Ehepartnern besonders schwierig.

Sehr häufig ist auch der Diebstahl von Krankenhauswäsche, berichtet Moritz Schäpsmeier, Projektmanager von Sitex Textile Dienstleis­tung GmbH. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben hierzulande einen Marktanteil von 40 %.

Benutzte Klinikwäsche wird mit nach Hause genommen

Benutzte Wäsche werde von vielen Patienten mental als Eigentum angesehen. Die Mitnahme nach der Entlassung erscheine ihnen selbstverständlich. Laut Schäpsmeier entspricht der jährliche Wäscheverlust in deutschen Krankenhäusern einer Baumwollanbaufläche von 15 Quadratkilometern – etwa so groß wie die Stadt Münster. Die finanzielle Belastung liege im siebenstelligen Bereich, sagt er.

Die Zahlen für Diebstähle – meis­tens werden Patientenschränke geplündert – sind in Bayern seit 2015 ziemlich unverändert. Im vergangenen Jahr wurden 1466 Fälle aufgeklärt, 321 blieben unaufgeklärt. Waffengewalt oder Bandendiebstähle spielen hier so gut wie keine Rolle.

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