Griechenland und Deutschland - Georg Müller zieht einen Vergleich

Gesundheitspolitik Autor: Georg Müller

panthermedia

Der Allgemeinarzt Georg Müller hat Griechenland besucht und sich über das Gesundheitswesen informiert. Seine Erfahrungen beschreibt er in einem Gastbeitrag.

Ein süffisantes Lächeln und Kopfschütteln sind die Reaktionen eines griechischen Arztes in der Stadt Kalamata (Pelepones), als ich ihm davon erzähle, dass in Deutschland der Hausarzt mit seinem persönlichen Vermögen haftet, sollte er in Regress genommen werden. Zu viel verordnete Medikamente, diese Vokabel kennt der Landarzt, der nicht namentlich genannt werden möchte, nicht. In Griechenland sei das Gegenteil der Fall.

Provisionen der Industrie sind gängige Praxis in Griechenland

Wenn ein Arzt viele Medikamente eines Pharmaunternehmens verordne, erhalte er am Ende des Jahres sogar eine Provision. Dies sei gängige Praxis und von den Ärzten eine gern gesehene Apanage. Sein Kollege Panagiotos Kremidas, der als Assistenzarzt in der Neurologie in Heidelberg arbeitet, wendet ein, dass diese Provisionen verboten, ungeachtet des Verbots aber üblich sind.


Die Griechen kennen unser Hausarztsystem nicht. Seit 1983 gibt es den staatlichen Gesundheitsdienst. Größter Kostenträger ist die Sozialversicherungsanstalt Idrima Kinonikon Asfalisseon (IKA), die mehr als 5,5 Millionen Menschen Versicherungsschutz bietet. Medizinische Dienstleistungen werden vom nationalen Gesundheitsdienst, von Ambulanzen und Kliniken der Krankenversicherungen sowie privaten Vertragskliniken angeboten.

 


Allgemeinmediziner Georg Müller

Zuzahlungen für Zahnarzt und medizinische Hilfsmittel gibt es nicht

Der Besuch bei dem IKA-Arzt ist kostenfrei. Das gilt auch für ärztliche Behandlungen in zugelassenen Praxen und Kliniken. Arbeitnehmer, Rentner und Arbeitslose sind bei der IKA gesetzlich krankenversichert. Nichts zuzahlen müssen die griechischen Patienten für die zahnärztliche Behandlung sowie Analysen in den Laboren der IKA. Die IKA übernimmt die Kosten für Prothesen, medizinische Hilfsmittel wie Herzschrittmacher, Hörgeräte, Rollstühle und Kontaktlinsen. Natürlich muss dafür ein medizinisches Gutachten des behandelnden Arztes vorliegen. Nur bei verschreibungspflichtigen Medikamenten müssen Patienten 25 % des Preises zuzahlen.


In den Städten ist die staatliche Gesundheitsversorgung deutlich besser als auf dem Land, weil es dort gut organisierte Ärztehäuser gibt. In ländlichen Regionen sichern 170 Gesundheitszentren die Grundversorgung der Bevölkerung. Die IKA-Ärzte sind bei den Patienten nicht sehr anerkannt. Wer ernsthafte gesundheitliche Probleme hat, sucht lieber eine Klinik auf. In den Kliniken verdienen Assistenz­ärzte 1200 bis 1500 Euro, Fachärzte rund 2000 Euro im Monat.

Für 25 Euro Gebühr kommt der Arzt zum Patienten

Wer einen Facharzt aufsuchen muss, braucht dazu keine Überweisung vom praktischen Arzt. Normalerweise haben Fachärzte zwar (lange) Wartelisten. Falls es sich aber um einen Notfall handelt, können sich die Patienten von einem privaten Spezialisten behandeln lassen. Sie erhalten später bis zu 85 % der Behandlungskosten von der IKA zurückerstattet.


Hausbesuche sind in Griechenland nicht üblich. Doch gegen eine Gebühr von 25 Euro pro Tag ist der Arzt bereit, auch zum Patienten zu kommen. Deshalb gehen viele Patienten lieber direkt in die Klinik. Der Arzt erhält bis zu 60 Euro pro Privatkontakt. Meist hat eine Arztpraxis 30 bis 50 Patienten pro Tag. Private Versicherungen sind in Griechenland weniger verbreitet als in den anderen Ländern Europas.

Monatlich 30 € pro Patient in Griechenland - 12,80 € in Deutschland

Auf den Inseln stellen eher frei praktizierende Ärzte, private Gesundheitszentren und Landärzte die medizinische Versorgung sicher. In der Stadt Kalamata mit ihren 60 000 Einwohnern praktizieren 15 Allgemeinärzte, 22 Kardiologen sowie 20 Ärzte anderer Fachrichtungen.


Monatlich kann ein Arzt in Griechenland 30 Euro pro Patient abrechnen, in Deutschland sind es 12,80 Euro. Ein Arzt in Thessaloniki mit 1000 Patienten verdient also jährlich gut 17 000 Euro mehr. Der Allgemeinmediziner, der sich als IKA-Arzt niederlässt, erhält pro Patient beim ersten Kontakt 20 Euro und beim zweiten Besuch 10 Euro pro Monat. Der dritte und jeder weitere Besuch werden nicht mehr vergütet. Auf das Quartal gerechnet hat der griechische Mediziner maximal 90 Euro pro Patient. Der Hausarzt in Hessen erhält 38 Euro im Quartal. Über den Daumen gerechnet, kann ein Arzt bei den Hellenen drei Mal so viel verdienen wie sein Kollege in Deutschland. Und er lebt gänzlich ohne Furcht vor Regressen.

Die rosigen Zeiten scheinen zu Ende zu gehen

Den Sicherstellungsauftrag für die Nacht und das Wochenende kennen die Ärzte in Griechenland nicht. Es gibt Gesundheitszentren, besetzt von einem Assistenzarzt in der Nacht. Am Wochenende ist zusätzlich ein Facharzt anwesend. Der Allgemeinarzt hat grundsätzlich keine Wochenenddienste. Bei der Niederlassung gibt es keine Beschränkungen. Diese entscheidet sich durch die Akzeptanz der Patienten.


Die rosigen Zeiten für die griechischen Kollegen scheinen allerdings zu Ende zu gehen. Infolge geplanter bzw. verabschiedeter Sparmaßnahmen sollen Budgets eingeführt werden. Das hat Unruhe unter den Ärzten ausgelöst. Sie wollen streiken, damit ihre Patienten weiter die bisherigen Medikamente erhalten. In Deutschland würde nie für die Aufhebung der Budgets gestreikt, da jeder Arzt ab einer bestimmten  Überschreitung haftbar gemacht wird. Für griechische Ärzte ist es undenkbar, mit dem Einkommen für die Wirtschaftlichkeit der Verordnungen haften zu müssen.

Arztfamilie in Hessen droht wegen Regress die Privatinsolvenz

In Deutschland fürchtet sich jeder vierte Medizinstudiumanfänger vor einer Niederlassung aufgrund der Bedrohung durch Regresse. Einen besonders gravierenden Regressfall gibt es in Hessen. Dort hat der Arzt Eckehard Lührmann in Aßlar bei Gießen über Jahre Regresszahlungen geleistet. Infolge eines Schlaganfalls ist der Kollege halbseitig gelähmt und kann seinen Beruf seit 2009 nicht mehr ausüben. Nun stellen die Krankenkassen weitere Regressforderungen. Weil Lührmann nicht mehr geschäftsfähig ist, wird seine Frau belangt. Zuletzt hat die gemeinsame Prüfstelle von KV und Kassen einen Vollstreckungsbescheid über 320 000 Euro geschickt. Weitere Forderungen für die letzten Dienstjahre stehen noch aus.


Einem deutschen Arzt ist es nicht verständlich zu machen, dass er mit seinen Steuern die Wirtschaft Griechenlands unterstützt, wo die Mediziner offensichtlich nicht unter den Einschränkungen der Budgetierungen leiden, so wie es bei hiesigen niedergelassenen Ärzten der Fall ist. Es ist ein Skandal, dass selbst Ehepartner und Kinder von Medizinern aufgrund von Budget­überschreitungen in Haftung genommen werden. Daran haben auch Artikel in der Lokalpresse und Spendenaufrufe der Bevölkerung und der Ärzte für die Familie Lührmann nichts geändert.


In Griechenland hätte eine entsprechende Ehefrau aufgrund der hohen Verordnungen eine Provision von der Pharmaindustrie erhalten. Hierzulande wird Frau Lührmann, wenn nicht ein Wunder geschieht, Privatinsolvenz anmelden müssen, nachdem ihr erkrankter Ehemann die Bevölkerung über Jahrzehnte mit hoher Pflichterfüllung versorgt hat.