Gute Geschäfte auf dem zweiten Gesundheitsmarkt

Gesundheitspolitik Autor: Michael Reischmann

Immer mehr Menschen sind bereit, für ihre Gesundheit, ihre Fitness und ein gutes Lebensgefühl Geld ausgeben. Eine Studie zeigt für Hessen und die Rhein-Main-Region das Potenzial des sog. zweiten Gesundheitsmarktes auf.

  • 2012 wurden in Deutschland rund 14 % der 300 Milliarden Euro Gesundheitsausgaben freiwillig durch private Haushalte für Leistungen des sog. zweiten Gesundheitsmarkts (Ästhetische Medizin, IGeL, Heilpraktikerleistungen, OTC-Arzneien, Wellness, Fitness etc.) aufgebracht. Die Tendenz ist steigend.

  • In Hessen wuchs der zweite Gesundheitsmarkt zwischen 2009 und 2012 um 5,6 % auf 5,6 Mrd. Euro Umsatz. Die Zahl der Beschäftigten (gemessen in sog. Vollzeitäquivalenten) betrug rund 30.000. Der Zuwachs von über 7 % in den vergangenen vier Jahren lag über dem des gesamten Arbeitsmarktes.

  • Die wichtigsten Marktfelder in Hessen sind derzeit mit rund einer Milliarde Euro jährlich privat finanzierte Gesundheitsleistungen wie Laser- und Lidchirurgie, Fettabsaugen, Nasenkorrekturen, Ultraschalluntersuchungen und die Untersuchung der Augenkrankheit Grüner Star. Einen wichtigen Stellenwert hat in Hessen mit 810 Millionen Euro jährlich der Gesundheitstourismus.

Für Menschen, die vor einer Berufswahl stehen oder eine Existenzgründung erwägen hat Florian Gerster, Vorsitzender der Initiative gesundheitswirtschaft rhein-main e.V., einen Tipp parat: Eine stabile und weiter wachsende Branche ist die Gesundheitswirtschaft. Das gilt nicht nur für das Gesundheitswesen, soweit es über GKV, PKV und Steuermittel finanziert wird, sondern auch für den zweiten Gesundheitsmarkt mit seinen privaten und betrieblichen Nachfragern.

Die Entwicklungschancen dieses Marktes in Hessen und in der Rhein-Main-Region (Süd- und Mittelhessen, Mainz und Aschaffenburg) hat das Gelsenkirchener Institut für Arbeit und Technik untersucht. Sein geschäftsführender Direktor, Professor Dr. Josef Hilbert, stellte das Gutachten in Frankfurt/Main der Presse vor.

Dr. Rainer Waldschmidt von der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft des Landes Hessen begrüßte die aufgezeigten Möglichkeiten, z.B. bei der maßgeschneiderten Gesundheitsförderung (personalisierte Diagnostik) und dem Gesundheitstourismus wie etwa Erholungsangebote für pflegende Angehörige.

Im zweiten Gesundheitsmarkt steckt Musik drin. Gesundheit, Well- und Fitness bilden einen Megatrend, resümierte Prof. Hilbert. Was kann getan werden, um diese Entwicklung zu forcieren?

  • Im Fall der elektiven medizinischen Leistungen sieht Prof. Hilbert noch Verbesserungsmöglichkeiten in puncto Qualitätssicherung und Transparenz. Und in Ergänzung einer personalisierten Diagnostik wäre es auch wichtig, Antworten zu Prävention und Therapien geben zu können.

  • Bei der telemedizinischen Betreuung älterer Menschen bemerkt der Wissenschaftler nach wie vor Umsetzungsschwierigkeiten, aber auch genügend Argumente für einen erneuten Anlauf.

  • Beim betrieblichen Gesundheitsmanagement regt Prof. Hilbert eine Erweiterung zu regionalen Aktivitäten an.

  • Ein noch kleiner, aber mit kräftigem Wachstumspotenzial ausgestatteter Bereich ist der "Gesundheitsstandort Haushalt", also der barrierefreie, altersgerechte und gesundheitsfördernde (Um-)Bau von Häusern und Wohnungen.

Gerster, ehemaliger SPD-Gesundheitsminister von Rheinland-Pfalz und 2002 Leiter der Bundesanstalt für Arbeit, hat kein Problem damit, dass die Leistungen des zweiten Gesundheitsmarktes nur denjenigen zugute kommen, die dafür zahlen können - solange über das Versicherungssystem die Patienten all das bezahlt bekommen, was sie an Versorgung benötigten. Statt "Ganz oder gar nicht"-Entscheidungen über Versorgungsangebote wünscht er sich Übergänge zwischen dem ersten und zweiten Gesundheitsmarkt. Wer ein komfortableres Angebot als den Standard nutzen möchte, sollte es durch Aufzahlungen erhalten können.

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