Heidelberger Bluttest: Verantwortliche wussten um mangelnde Validität

Gesundheitspolitik Autor: Anouschka Wasner

Wie kam man auf die Idee, die ungenügenden Ergebnisse zum Bluttest in die Öffentlichkeit zu bringen? © chompoo – stock.adobe.com

Das Heidelberger Uniklinikum kämpft mit einer „Weltsensation“, verkündet von einer eigenen Forschungsgruppe. Die Meldung, man habe einen Krebsbluttest entwickelt, entpuppte sich nämlich schnell als lancierte Hochstapelei. Klinikchef, Projektleitung und Vorstände kannten die Mängel. Keiner zog die Bremse.

Vergangenen Februar veröffentlichte eine Forschungsgruppe des Universitätsklinikums Heidelberg, sie hätte einen Bluttest für Brustkrebs entwickelt. Oder besser: verkündete die Sensation, den einzigartiger Durchbruch zur baldigen Marktreife. Dabei bediente man sich nicht nur der üblichen Presseerklärung und -konferenz, sondern auch enger Kontakte zur Bildzeitung und ihrem Ex-Chefredakteur Kai Diekmann. Der spielte dann auch die ganze boulevardeske Klaviatur, die dem Blatt zur Verfügung steht – die marktschreierische Schlagzeile „Ers­ter Blut-Test erkennt zuverlässig Brustkrebs“ findet sich heute noch unkorrigiert auf bild.de.

Dabei gab es schon wenig später renommierte wissenschaftliche Stimmen, dass die Veröffentlichung verfrüht erfolgte und sich wissenschaftlich jedem Standard verweigert. Heute weiß man sicher: Die Erkenntnisgenauigkeit reichte vorne und hinten nicht. Die Anzahl untersuchter Proben war nicht hinreichend, es gab keine klinische Studie und keine Publikation in einem Fachjournal.

Ein Desaster der Wissenschaftskommunikation

Letztlich erwiesen sich die Falschheit der Aussagen und das Dickicht der Verantwortlichkeiten so groß, dass der Aufsichtsrat des Klinikums im April eine hochkarätig besetzte externe Kommission unter der Leitung von Verfassungsrichterin a.D. Dr. Christine Hohmann-Dennhardt und dem Präsidenten der Leibniz-Gemeinschaft, Prof. Dr. Matthias Kleiner, um die Untersuchung der Causa Bluttest bat. Der Auftrag: die umfassende Aufarbeitung des Sachstandes und Empfehlungen zur Ausbesserung von strukturellen Defiziten. Mitte Juli legte die Kommission erste Zwischenergebnisse vor, die sich auf 10 000 Seiten Dokumentation und 17 Interviews bis in den Vorstand hinein stützen.

Die Causa habe nicht erst mit der Veröffentlichung im Februar ihren Lauf genommen, sondern schon 2017, als die damalige Leiterin des Forschungsprojektes, Rongxi Yang, ohne triftige Gründe herausgedrängt wurde, so die Kommission. Vorangetrieben wurde das vom Dienstvorgesetzten, Professor Dr. Christof Sohn, ärztlicher Direktor, unterstützt von der technology transfer heidelberg GmbH, kurz: der tth.

Die tth, eine Tochterfirma der Universitätsklinik, hat die Aufgabe, Forschungsergebnisse und Erfindungen zu Produkten und Geld zu machen. Das betreibt sie offensichtlich mit Verve. Nur kurz nach dem Rauswurf der Projektleitung trat sie mit zwei Ausgründungen zur Vermarktung des Bluttests an den Start: An der Heiscreen GmbH ist sie selbst mit 48,6 % beteiligt. Mit weiteren fast 40 % stieg dann der in anderer Sache vorbestrafte Unternehmer Jürgen Harder ein – ein alter Freund von Diekmann. Heute weiß man, dass weitere, attraktive Investoren auf dem Plan standen. Prof. Sohn bestand aber auf Harder. Richtlinien zur Auswahl gibt es keine.

Die zweite Firma nannte man Heiscreen NKY GmbH. Sie spielt eine Hauptrolle in einer interessanten Nebengeschichte im Heidelberger Drama. Das Joint Venture mit dem chinesischen Pharmakonzern NKY Medical sollte nämlich den Bluttest in China vermarkten. Nach der Verkündung der „Weltsensation“ stiegen die Aktien von NKY Medical sprunghaft an – jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Verdacht auf Insiderhandel und Betrug. An der Heiscreen NKY hält die tth 80 %, Klinikchef Prof. Sohn 8 % und die neue Projektleiterin Prof. Dr. Sarah Schott 12 %.

Warum sich Projektleitung Yang mit dem Rauswurf abgefunden hat, ist unklar. Die Abfindungssumme war überschaubar, Spekulationen über eventuell berechtigte Gründe für die Abberufung haben sich nicht bestätigt. Man sagt, sie habe Angst gehabt, in einer Auseinandersetzung mit der Universität ihre Reputation zu verlieren.

Neue Projektleitung erreichte nie mehr die alten Werte

Mit dem Ausscheiden von Yang veränderte sich auf jeden Fall Grundsätzliches. Nicht nur, dass Fördergelder an ihre Person gebunden waren – vor allen Dingen zog mit ihr das Wissen aus. Jene hoffnungsverheißenden Werte, die sie in ihren Forschungen erreicht hatte – wenn auch nur in kleinen Kohorten – wurden nie wieder erreicht. Im April 2018 lag die Spezifität bei 70 %. Dass das inakzeptable Werte sind – zumal die Frauen mit falsch positiven Testergebnissen jahrelang auf Richtigstellung warten müssten –, ist klar.

Wie kam man dann auf die Idee, die ungenügenden Ergebnisse in die Öffentlichkeit zu bringen? Den Recherchen der Kommission zufolge sprach Prof. Sohn im Januar davon, dass er am 21. Februar auf einer Gynäkologenfortbildung von Teilergebnissen berichten wolle. Dabei ging es wohl um kleine, spezielle Kohorten mit Gebärmutterhalskrebs. Die Werte zum Brustkrebs waren weiterhin nicht überzeugend. Irgendwo hier muss dann aus dem Vortrag vor niedergelassenen Gynäkologen die „Weltsensation“ gemacht worden sein, die kurz vor der Markreife steht. Entschieden wurde das von Prof. Sohn, in Absprache mit Inves­tor Harder. Dekan Prof. Dr. Andreas Draguhn gab das Siegel der Universität frei.

Flugs wurden eine teure Agentur und die Bildzeitung eingeschaltet. Eine Pressemitteilung und das Interview mit dem Klinikverantwortlichen gingen vorab zur Ansicht an alle involvierten Vorstandsmitglieder: an Prof. Draghun, an die ärztliche Direktorin des Uniklinikums, Prof. Annette Grüters-Kieslich, und an die Kaufmännische Direktorin Irmtraut Gürkan.

Gleichzeitig gab es aber Warnungen vor der Veröffentlichung, wie man heute weiß. Von einem Statistiker der Uniklinik, von der Pressereferentin und sogar von der Projektleitung Prof. Schott. Letztere wandte sich damit an Vorständin Prof. Grüters-Kieslich. Diese jedoch befand, dass eine Absage der Pressekonferenz in die Wissenschaftsfreiheit eingreife.

Das Zwischenfazit der Kommission: Obwohl der Vorstand rechtzeitig informiert war, hat er sich nicht beraten und keinen Rechtsbeirat geholt. An mehreren relevanten Punkten wurde die wissenschaftliche Verantwortung ­vernachlässigt. Und warum? Prof. Kleiner wird deutlich: Eitelkeit, Führungsversagen und Machtmissbrauch, gepaart mit falscher Kollegialität und falsch verstandener Wissenschaftsfreiheit.

Dr. Homann-Dennhardt unterstreicht, dass jetzt Mängel in der Arbeitsweise des Vorstands zu beheben seien, Warnsysteme und Entscheidungskriterien installiert werden müssen. Und Aufsichtsratsvorsitzende Dr. ­Simone Schwanitz will sich damit befassen, wie Technologietransfer anders funktionieren könne, aber auch einen genauen Blick auf die Zuständigkeiten werfen. Es sei sehr unprofessionell gearbeitet worden.

Medical-Tribune-Recherche