Hilfe für Kinder, die um Angehörige trauern

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

Thinkstock

Bei der Anhörung „Tod? Tabu für Kinder?“ im Gesundheitsausschuss des Bundestages wurde das Fehlen einer Kultur der Wahrnehmung ikritisiert.

„Kinder werden als Angehörige von Sterbenskranken und Hinterbliebenen in unserem Gesundheitssystem bisher zu wenig beachtet“, sagt Dr. Miriam Haagen, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Psychotherapie in Hamburg.

Auch das Mitfühlen falle Erwachsenen sehr schwer. Dabei sei das wichtig für Kinder, um die tiefen Gefühle von Schmerz, Verzweiflung, Wut oder Schuldgefühlen nicht zu verleugnen und um die Trauer zu verarbeiten.

Nicht aus Angst vor Kindertränen schweigen

Selbst Angehörige von Professio­nen, bei denen man Wissen und Erfahrungen voraussetzen könnte, sind oft nicht in der Lage, trauernde Kinder adäquat zu betreuen. Das betrifft nicht nur die Zeit nach dem Tod, sondern auch die Zeit davor.

„Kinder stehen unbeachtet von Ärzten und Verwandten im Schatten der Erkrankung ... und werden nur berücksichtigt, wenn sie mit dramatischen Symptomen auf sich aufmerksam machen“, so Dr. Haagen. Es sei falsch, wenn Erwachsene aus Angst vor Kindertränen nicht über Verstorbene reden. „Gerade Erinnern tut gut und ist heilsam“, sagt die Hamburger Ärztin, die in ihrer Praxis seit Jahren mit Kindern verstorbener Eltern arbeitet. Das Wort „tot“ sollte auch nicht gemieden oder durch Synonyme wie „gegangen“ ersetzt werden.

„Kinder jeden Alters, die aufmerksam die Welt um sich herum beobachten, wissen mehr über Tod und Sterben, als wir uns vorstellen können.“ Je jünger sie seien, desto unbefangener gingen sie mit dem Thema um. Anders Erwachsene: Zwar sei der Tod ständig in den Medien präsent. Komme er aber in die Familie oder den Freundeskreis, zögen sich die Menschen zurück.

Die Kinderärztin berichtete den Bundestagspolitikern über Versorgungslücken und Brüche zwischen den Sektoren. So werden Kinder von krebskranken Angehörigen im Krankenhaus vielleicht noch im Rahmen von Psychoonkologie oder Krankenhausseelsorge aufgefangen. Ist der Angehörige jedoch verstorben, bricht die Betreuung abrupt ab. Auch in Hospizen werden Kinder oftmals nicht gezielt angesprochen.

Kinder müssen auf das Sterben vorbereitet werden

Dagegen sei es wichtig, Kinder auf das Sterben langfristig vorzubereiten und sie nicht z.B. nur auf der Intensivstation Abschied nehmen zu lassen. Das traumatisiere noch mehr. Dr. Haagen hält es für erforderlich, Psychologen und Ärzte, aber auch Lehrer und Sozialpädagogen zu schulen, eine interdisziplinäre Weiterbildung sogar zur Pflicht zu machen.

Notwendig sei auch, die psychologische Nachbetreuung von Kindern im Gesundheitssystem zu berücksichtigen: „Denn auch die Kinder werden belastet, wenn ein Elternteil durch den Verlust des Partners zum Beispiel an Depressionen leidet.“ Im Curriculum für Kinder- und Jugendpsychotherapeuten seien beispielsweise nur ein bis zwei Stunden zum Thema vorgesehen.

Trauernde Kinder aus der Isolation herausholen

Dr. Haagen forderte zudem, mehr Geld in Versorgungsstudien zu inves­tieren. Es sei nötig, Situationen mit Kindern und Sterbenden zu erforschen. Nötig sei auch die Entwicklung psychoedukativer Materialien für Eltern, Erzieher und Lehrer auf wissenschaftlicher Basis. Bisher gebe es diese nur vonseiten der Selbsthilfe.

Die Ärztin legte auch die Entwicklung von Screeninginstrumenten nahe, um Kinder in Not identifizieren zu können und mehr über den Verlauf der Trauer herauszufinden. Entsprechende Untersuchungen stammten bisher nicht aus Deutschland.

Deutlich wurde in der Anhörung, dass es nicht darauf ankommt, ein trauerndes Kind zum Reden zu drängen und vorschnell Lösungen anzubieten. Entscheidend ist stattdessen, dass das Kind das Gespräch sucht. Jürgen Kurth vom Domino e.V. aus Odental bei Köln sagte, es sei wichtig, die Kinder aus der Isolation herauszuholen, in die sie in Schule oder Kindergarten oft geraten. In Gruppen von acht bis zwölf Kindern lernen sie bei Domino, dass sie mit der Trauer nicht allein sind.

Genauso können sich die Kinder aber auch zurückziehen oder im „Wutraum“ körperlich austoben und ihren zum Teil starken Aggressionen – die manchmal auch davon kommen, dass ein Kind bei der Beerdigung nicht dabei sein durfte – freien Lauf lassen. „Es ist ein Angebot für Kinder, keine professionelle Therapie“, so Kurth.

Geschützte Räume für individuelle Trauerwege der Kinder

Andere Referenten bestätigten, dass niederschwellige Angebote für trauernde Kinder wichtig sind. „Kinder brauchen Räume, wo sie sich nicht zu erkennen geben müssen“, sagte Beate Alefeld-Gerges vom Bremer „Trauerland“, Zentrum für trauernde Kinder. Die Sozialpädagogin erklärte, dass Kinder geschützte Räume brauchen, wo sie ihren individuellen Trauerweg finden können, wo sie Gefühle und Erlebtes nicht erklären, wo sie nicht wie vielleicht zu Hause der Mutter Trost spenden und den Starken spielen müssen.

Als problematisch beurteilten die Redner, dass Vereine, die sich der Trauer von Kindern widmen, nicht entsprechend finanziell gefördert werden. Gleiches gilt für psychotherapeutische Angebote. Auch bestehen Defizite in der Vernetzung von Angeboten. Anlaufstellen für die Nachsorge existieren nicht flächendeckend.