Immer mehr Ärzte in Klinik und Praxis – und dennoch ein Mangel

Gesundheitspolitik Autor: Michael Reischmann

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2,5 % mehr Ärzte im Jahr 2013 nach einem Plus von 1,9 % ein Jahr zuvor. Dass der Bundes­ärztekammerpräsident trotz dieser Zahlen die Geschichte vom Ärztemangel erzählt, nehmen ihm Krankenkassenvertreter nicht ab.

Die Ersatzkassen fordern sogar, "dass die KVen endlich anfangen, Arztpraxen in überversorgten Gebieten aufzukaufen und nicht mehr mit neuen Ärzten zu besetzen".

"Der Ärztemangel und der Mangel an Arztstunden sind keine Prognosen mehr, sondern in vielen Regio­nen Deutschlands längst Realität. Und wir müssen davon ausgehen, dass sich dieser Mangel in den nächs­ten Jahren noch weiter verschärfen wird."

Mit diesen Worten kommentiert Professor Dr. Frank Ulrich Montgomery die Ärztestatistik der BÄK für das Jahr 2013. Demnach stieg die Zahl der ärztlich tätigen Mediziner um 2,5 % bzw. 8557 auf 357 252.

Der BÄK-Präsident versucht diesen Zuwachs zu relativieren mit Verweisen auf einen gestiegenen Behandlungsbedarf, mehr Teilzeitarbeit (auch aufgrund eines Frauenanteils von mittlerweile 45 %) sowie auf ein höheres Durchschnittsalter in der Ärzteschaft.

vdek: Acht von zehn Regionen sind statistisch überversorgt

Die beiden letzten Argumente beeindrucken Ulrike Elsner, Vorstands­chefin des Ersatzkassenverbandes vdek, nicht: Diese Phänomene gibt es auch in anderen Berufen. "Daraus einen grassierenden Ärztemangel abzuleiten, ist falsch."

Nach Angaben der BÄK arbeiten 50,7 % der Ärzte im Krankenhaus (absolut: 181 012; davon ist ein Drittel jünger als 35 Jahre). 145 933 Mediziner sind ambulant tätig: 123 629 (+ 0,3 %) als niedergelassene Ärzte und 22 304 (+ 7 %) als angestellte Ärzte. 27,8 % der Niedergelassenen sind mindestens 60 Jahre alt.

 

Problematisch findet vdek-Chefin Elsner "die ungleiche Verteilung der Ärzte in den Regionen".

So seien in den überversorgten Regionen 32 000 Ärzte oberhalb des Versorgungsgrades von 100 % tätig, während in einzelnen Regionen 1300 Arztsitze besetzt werden müssten, um einen hundertprozentigen Versorgungsgrad zu erreichen.

Laut vdek sind bundesweit über 80 % der Planungsbereiche überversorgt, 18 % regelversorgt und bei knapp 2 % droht oder besteht eine Unterversorgung. Elsner fordert die KVen auf, Ärzte gezielt in schlechter versorgte Planungsbereiche umzulenken.

Die Instrumente dafür, wie Aufkauf von Praxen und Verzicht auf Nachbesetzungen, habe der Gesetzgeber den KVen bereits an die Hand gegeben. Es müssen mehr Ko­operationen und Anstellungsmöglichkeiten sowie multidisziplinäre Teamstrukturen angeboten werden,  meint der GKV-Spitzenverband. "Hier müssen die Ärzteorganisationen aktiv werden."

"Die Kommunen sollten ein Standortmarketing betreiben – ähnlich wie bei der Ansiedlung von Industriebetrieben", meint KBV-Chef Dr. Andreas Gassen. Die KVen gestalteten die Niederlassung so einfach wie möglich, etwa durch Eigen­einrichtungen, Investitionshilfen und Umsatzgarantien.

"Es geht um nicht weniger als die Motivation einer ganzen Generation nachwachsender Ärztinnen und Ärzte", meint BÄK-Präsident Prof. Montgomery.