Interventionsprogramm für suchtkranke Ärzte

Gesundheitspolitik Autor: Ruth Bahners

Thinkstock

Dr. E. ist 49 Jahre alt, niedergelassener Gynäkologe und alkoholabhängig. Bei einer leitliniengerechten Behandlung hat er eine gute Prognose. Dr. E. wird durch das Interventionsprogramm für abhängigkeitskranke Ärzte der Ärztekammer Nordrhein begleitet.

Über die Prävalenz von Abhängigkeitserkrankungen bei Ärzten in Deutschland gibt es keine gesicherten Informationen. Aber es ist davon auszugehen, dass Abhängigkeitserkrankungen genauso häufig in der Ärzteschaft wie in der Allgemeinbevölkerung auftreten. Deshalb bieten die Ärztekammern ihren Mitgliedern Unterstützungsprogramme zum Ausstieg aus der Sucht an.

Im Juni 2008 nahm das Interventionsprogramm der Ärztekammer Nordrhein seine Arbeit auf. Es soll Kollegen helfen und die Patientensicherheit unterstützen.

Ärztekammer wählte niederschwelligen Weg

Seitdem wurden 122 Fälle bei der Kontaktstelle gemeldet, 90 Ärzte und 32 Ärztinnen, berichtet Dr. Johanna Leclerc-Springer, Fachärztin für Psychia­trie/Psychotherapie und Leiterin der Kontaktstelle.

Die Ärztekammer habe einen kollegialen, niederschwelligen Weg gewählt, um Kolleginnen und Kollegen aus der Sucht zu helfen. „Abhängigkeitskranke Ärzte haben es – trotz guter Behandlungsprognosen – nicht leicht, erforderliche Hilfen und notwendige Behandlungen zu erhalten“, so Dr. Leclerc-Springer.

Das Angebot in Nordrhein ruht auf zwei Säulen: auf der Kontaktstelle in Düsseldorf und sogenannten Vertrauens­ärzten an zwölf Orten. Aufgabe der Kontaktstelle ist es, die Glaubwürdigkeit und Plausibilität von Meldungen einer Abhängigkeitserkrankung zu überprüfen und die Betroffenen zu begleiten.

Der Großteil der Meldungen kommt von Dritten

102 Meldungen erfolgten von Dritten, 20 waren Selbstmeldungen. Die Fremdmeldungen kommen in der überwiegenden Zahl von Behörden wie der Bezirksregierung, aber auch von Angehörigen, Patienten, ärztlichen Kollegen und Mitarbeitern.

Zur Abklärung nimmt die Ärztin für Psychiatrie Kontakt mit dem betroffenen Kollegen auf und verabredet ein persönliches Gespräch.

Kostenlose Information über Hilfsangebote

Dr. Leclerc-Springer informiert über Hilfsangebote und hilft bei der Beantragung von Leistungen der Krankenkassen oder Rentenversicherungsträger. Aber auch die Begleitung über ein Jahr durch die Beratungsärztin kann vereinbart werden. Diese Leistungen sind für die Betroffenen kostenlos.

Die Beratungsärzte vor Ort sind in der Suchtmedizin erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die außerhalb der Kammerverwaltung stehen. Sie sind ehrenamtlich tätig. Eine Erstberatung kann auch anonym stattfinden. Die suchtmedizinische Behandlung erfolgt durch externe Leistungsanbieter, mit denen die Kammer zusammenarbeitet.

Aus den 122 Meldungen seit dem Jahr 2008 ergaben sich 94 Fälle, darunter 43 niedergelassene Kolleginnen und Kollegen. Die anderen blieben anonym oder der Verdacht einer Abhängigkeitserkrankung wurde nicht bestätigt. Alkohol ist die Droge Nummer 1: 79 % waren alkoholabhängig, 30 % missbrauchten Medikamente und 10 % andere Drogen.

Etliche Ärzte missbrauchten mehrere Suchtmittel gleichzeitig

Nach Auffassung von Dr. Leclerc-Springer wird das Interventionsprogramm gut angenommen und kann Erfolge aufweisen. Nur bei fünf der 94 Fälle kam kein Kontakt zustande. Mit 43 der 89 betreuten Kolleginnen und Kollegen konnten Suchtvereinbarungen geschlossen werden. Davon wiesen 23 positive Verläufe auf.

„Suchtvereinbarungen beinhalten Begleitung, aber auch Kontrolle“, erläutert Dr. Leclerc-Springer. Neben der Verpflichtung zur Abstinenz könne dies die Festlegung von Labor­untersuchungen und regelmäßigen Gesprächsterminen, eine Schweigepflichtentbindung sowie der Besuch einer Selbsthilfegruppe sein.

Die Zusammenarbeit mit den zuständigen Bezirksregierungen sei nicht formalisiert, sondern auf den Einzelfall abgestimmt. „Das hat sich bewährt“, so Dr. Leclerc-Springer.

Mit Dr. E. wurde eine stationäre Entgiftung, eine wohnortnahe Rehabilitation und eine suchtspezifische Nachsorge sowie der Besuch einer Selbsthilfegruppe vereinbart. Die Approbationsbehörde wurde regelmäßig über die Kontakte und die Ergebnisse der Blutkontrollen unterrichtet. Heute ist Dr. E. trocken, besucht aber immer noch eine Selbsthilfegruppe.