Kältekammer statt Bentley für junge Profi-Kicker!

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Laut Kögler gibt es einen großen Unterschied in der medizinischen Betreuung zwischen Spanien und Deutschland. © fotolia/massimhokuto

Die sportmedizinische Betreuung im Profi-Fußball - in unserer Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Ich höre es schon. Jetzt, wenn die Saison der international engagierten deutschen Fußballvereine in die vorentscheidende Phase geht, wird das wehleidige Jammern wieder lauter, werden die Listen der verletzten Spieler länger, werden die Lazarette voller. Merkwürdig nur, dass dies in der heimischen Bundesliga weitaus häufiger zu beobachten ist als in vergleichbaren Klassen im restlichen Europa.

Der Verdacht liegt also nahe, dass es diesbezüglich einen Zusammenhang mit der sportmedizinischen Betreuung deutscher Profikicker gibt. Erstaunlich, dass die Bosse in diesem Millionen-Business nicht erkannt haben, dass die Gesundheit des Personals in kurzen Hosen das wertvollste Kapital darstellt.

Ein Beispiel ist etwa die Umsetzung der Drei-Minuten-Regel von FIFA und UEFA, die etwa von der englischen Profi-Liga übernommen wurde, in Deutschland aber keine lückenlose Anwendung findet. Nach dieser Regel kann der Teamarzt das Spiel bis zu drei Minuten unterbrechen lassen, um einen verletzten Spieler genauer zu untersuchen und dann zu entscheiden, ob er weiterspielen darf.

"An der Umsetzung der Drei-Minuten-Regel hapert es hierzulande"

Prominentes Lehrstück in Sachen gesundheitlicher Betreuung im Profi-Fußball ist die ebenso geräuschvolle wie medienwirksame Auseinandersetzung zwischen Trainer Pep Guardiola und der medizinischen Abteilung des FC Bayern München, die vielen noch sehr präsent ist. Sie gipfelte seinerzeit im Rücktritt des prominenten Orthopädie-Gurus Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt und war der letzte Akt eines permanent schwelenden Konflikts, der Guardiolas Zeit in München begleitet und oft auch überschattet hat.

Wie kann es zwischen dem Trainer und ausgewiesenen Fachleuten immer wieder zu solch großen Meinungsverschiedenheiten kommen? Offenbar gibt es zwischen der Bundesliga und beispielsweise der spanischen Primera Division gravierende Unterschiede vor allem hinsichtlich der Prävention. Aus Guardiolas Zeit beim FC Barcelona sind nur sehr wenige Muskelverletzungen von Spielern überliefert, Barça hatte während der vier Jahre kaum mit schwerwiegenden und längeren Verletzungen der Spieler zu kämpfen. In der bayerischen Metropole hingegen verletzten sich mehrmals wichtige Stützen der Mannschaft.

Die kulturellen Unterschiede im Umgang mit Verletzten und Verletzungen erschwerten die Arbeit des nahezu komplett spanischen Trainerstabs bei den Bayern. Guardiola war aus Spanien offenbar anderes gewohnt und forderte dies immer wieder auch in München ein. Als der Meistercoach in München ankam, dürfte er einigermaßen geschockt gewesen sein über den Aufbau der medizinischen Abteilung bei Bayern München. So gab es keinen Mediziner vor Ort. Verletzte sich ein Spieler im Training, musste der in Müller-Wohlfahrts Praxis in die Innenstadt transportiert werden.

"Bei Barça tummeln sich 50 Physiotherapeuten und mehr als 25 Ärzte"

Auf Barcelonas Trainingsgelände, der "Ciutat Esportiva", tummeln sich dagegen fünfzig Physiotherapeuten und mehr als 25 Ärzte für alle Athleten aus allen Sportarten. Die Bereiche Sportmedizin, Orthopädie, Kardiologie, Traumatologie und Ernährung sind bestens abgedeckt. Auf Guardiolas Instruktion hin haben die Bayern deshalb in den letzten Jahren massiv aufgerüstet. In München wurden inzwischen über fünf Millionen Euro investiert, unter anderem in eine Kältekammer und einen Magnetresonanz-Tomographen.

Die Diskrepanz zu einem Klub wie Barcelona ist jedoch immer noch groß. Bei Barça wird seit geraumer Zeit mit neuartigen DNA-Tests im Präventivbereich gearbeitet. Anhand von Speichelproben wird das Genmaterial der Spieler bestimmt, um herauszufinden, ob jemand womöglich ausgeprägte Anlagen für beispielsweise Muskelverletzungen hat. Auf Basis dieser Ergebnisse werden dann die Trainings- und Regenerationspläne gefertigt, auch die Ernährung des Spielers bestimmt und damit letztlich die immer wichtiger werdende Belastungssteuerung im Trainingsalltag optimiert.

Der große Unterschied zwischen Deutschland und Spanien könnte demnach in der Individualisierung der Prävention und Regeneration liegen. Dass die Bundesliga im medizinischen Bereich den großen Klubs aus anderen Top-Ligen hinterherhinkt, ist eine Tatsache. Eine Langfriststudie der UEFA zeigt, dass alle deutschen Mannschaften, die international vertreten sind, nach wie vor deutlich mehr Verletzungen als die europäische Konkurrenz beklagen. So sollte man sich in den Chefetagen der Klubs überlegen, ob man nicht künftig mehr Geld für medizinische Belange ausgeben sollte als einem weiteren 19-Jährigen den Bentley für die Fahrt zum Training zu spendieren …