Kassen streben Selektivverträge mit guten Krankenhäusern an

Gesundheitspolitik Autor: Michael Reischmann

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Die AOK liest aus Routinedaten Mengen- und Qualitätsunterschiede der Kliniken heraus und moniert: „Medizinische Qualität nach Postleitzahlen ist nicht akzeptabel“. Gemeint ist, dass es im Moment vom Zufall abhängt, wie gut ein Patient behandelt wird.

Auffallend findet Uwe Deh vom geschäftsführenden Vorstand des AOK-Bundesverbands die regional unterschiedlichen Häufigkeiten bestimmter Eingriffe. Warum z.B. in manchen Regionen die Rate der Gebärmutterentfernungen doppelt so hoch ist wie in anderen, bleibt auch für die Experten der AOK fraglich.

Letztlich, so ist Deh überzeugt, lassen sich die Spreizungen nicht medizinisch erklären. Er vermutet ökonomische Anreize dahinter: Kliniken mit Überkapazitäten versuchen mit einer Mengenausweitung mehr Einnahmen zu erzielen.

Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) wertet die Routinedaten aus den Abrechnungen der Leistungserbringer aus. So lassen sich auch die Folgemaßnahmen von Eingriffen erkennen. Qualitätsbezogene Auswertungen von Routinedaten hat das WIdO schon für Hüft- und Kniegelenksendoprothesen sowie Gallenblasenentfernungen bei Gallensteinen gemacht und in die Internet-Kliniksuche des AOK-Krankenhausnavigators eingebaut.

Herzkatheder: Deutschland aktiver als Nachbarländer - aber nicht erfolgreicher

Jetzt hat es sich das Thema Herzkatheter vorgenommen. 2010 wurden hierzulande mehr als 880 000 Koronarangiographien durchgeführt. Als Einzelleistung im Krankenhaus abgerechnet kostet das die Kassen jeweils 1250 Euro. Die Zahl der Linksherzkatheter pro eine Million Einwohner lag 2010 in Deutschland etwa 70 % höher als in Österreich und 98 % höher als in der Schweiz. Trotzdem sind die Sterblichkeitsraten bei Herzinfarkt in den Nachbarländern niedriger.

Innerhalb der Republik ermittelte das WIdO Regionen, wo Katheteruntersuchungen zehnmal häufiger erfolgen als in dem Bezirk mit der niedrigsten Rate. Zudem notiert es: „Bei jedem zehnten Patienten trat mindestens eine Komplikation oder ein unerwünschtes Ereignis auf.“

Kliniken mit vierfach höherem Sterberisiko

Auffällig sind Mengen- und Qualitätsunterschiede. In knapp einem Viertel der 614 untersuchten Kliniken verstarb keiner der betrachteten Patienten innerhalb von 30 Tagen. Bei 41 Krankenhäusern lag das Sterberisiko dagegen doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt von 1 %. Und in sechs Kliniken war das Risiko, nach einem Herzkatheter-Eingriff zu sterben, sogar viermal höher.

„Im Frühjahr 2013 werden wir diese Daten für jede einzelne Klinik öffentlich machen“, kündigte Deh vor Journalisten in Potsdam an. „Das Medizinproduktegesetz muss dringend reformiert werden“, verlangt Deh. „Wir brauchen eine harte Prüfung auf Qualität, Sicherheit und Nutzen für den Patienten – vor allem bei Medizinprodukten, deren Einsatz mit einem besonders hohen Risiko für die Patienten verbunden ist.“

Deh fordert auch eine Haftpflichtversicherung der Hersteller, die ein geschädigter Patient direkt in Anspruch nehmen kann. Es sollte zudem eine Teilnahmepflicht an bundesweiten Registern für Hochrisiko-Medizinprodukte geben, die eine sichere Zurückverfolgung bis zum einzelnen Patienten ermöglichen, um ihm bei Produktmängeln schnell helfen zu können.

Den Anfang macht das Endoprothesenregister, an dem sich über 200 Kliniken beteiligen wollen. Nach Erfüllung der Datenschutz-Auflagen soll es noch in diesem Jahr starten. „Durch das Register können wir frühzeitig vor mangelhaften Implantaten warnen und betroffene Patienten schnell informieren“, sagt Deh. Hinzu kommt die Transparenz bezüglich Haltbarkeit und Qualität. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ...

„Wir möchten für bestimmte planbare Eingriffe mit den Krankenhäusern, die eine besonders gute Qualität vorweisen, Verträge abschließen können“, sagt Deh. Gegen solche Selektivverträge haben sich bislang Vertreter von Krankenhausträgern und Ärztekammern erfolgreich ausgesprochen.

Auch von Mindestfallzahlen will der AOK-Mann nicht ablassen. „Unsere Analysen der Abrechnungsdaten bestätigen: Bei bestimmten Leistungen kommen in Krankenhäusern mit niedriger Fallzahl häufiger Komplikationen vor.“

Der Kassen-Verband hat ausgerechnet: Würde bei den Endoprothesen die Kliniken mit unterdurchschnittlicher Qualität aussortiert, läge für die Patienten der Anfahrtsweg zu einer von der AOK akzeptierten Klinik noch immer unter einer Stunde – was Deh bei einer planbaren Operation für zumutbar hält. Nach seinen Angaben mussten im Schnitt 4 % der AOK-Versicherten, die in den Jahren 2008 bis 2010 ein künstliches Hüftgelenk erhielten, innerhalb von zwölf Monaten wieder unters Messer. Bei einem Viertel der betrachteten Kliniken lag die Revisionsrate etwa 50 % über dem Mittelwert.