Leben ja, aber bitte ohne jegliche Gefahr!

Kolumnen Autor: Dr. Cornelia Tauber-Bachmann

Nur weiche Wurfware, bitte! © fotolia/KarlGroße

Im Leben kann man sich nicht vor allen Eventualitäten schützen, so Dr. Cornelia Tauber-Bachmann. Wenn wir nur noch nach Sicherheit streben, geht ihrer Meinung nach mit Sicherheit das Leben an uns vorbei. Das ist schade, so wollen Hausärzte doch ihre Patienten im richtigen Leben und nicht in Watte gepackt begleiten.

Nun ist die sogenannte fünfte Jahreszeit, sind die närrischen Tage des Faschings bzw. Karnevals wieder vorbei. Und unsere lokale Zeitung hat wieder andere Themen als die Faschingssitzungen da und dort beim Verein X und der Gemeinde Y. Sie kann sich wieder lokalpolitisch relevanteren Themen widmen. Jedenfalls meiner Meinung nach.

Aber neulich hat mich ein Faschings-Artikel dann doch aus meiner morgendlichen Cortisol-Baisse gerissen und ich habe ihn mit Interesse gelesen: "Der Trend geht zu weicher Wurfware", lautete die Überschrift. Sind das etwa die berühmten Wattebäuschchen?

Nein, es wurde berichtet, dass bei Faschingsumzügen nur noch mit weichen Leckereien geworfen werden soll, weil die Gefahr von Verletzungen durch harte Bonbons, im Rheinland "Kamelle" genannt, zu groß ist. Geworfen werden sollen also nur noch Popcorn, Gummibärchen und Kaubonbons. Wobei Letztere wahrscheinlich auch "scharfe Munition" sein könnten. Sie sind ja zum Teil eckig und ungekaut auch nicht gerade weich.

»Man hört halt nur, was man hören will«

Allerdings habe ich die Gefahr für Kinder, die in ihrer Sammelwut den großen Laster- und Traktorrädern häufig gefährlich nahe kommen, immer als wesentlich bedrohlicher eingeschätzt als die durch geworfene Bonbons! Ja, wir wollen Spaß und Gaudi, aber bitte ohne ein wie auch immer geartetes Risiko. Sind wir denn alle „Weicheier“ geworden, die gegen jede Unbill im Leben, gegen jedes Schicksal versichert sein wollen? Wenn doch etwas passiert, heißt es: "Da muss doch jemand dran schuld sein." "Da muss doch jemand die Verantwortung dafür übernehmen!" "Welche Versicherung tritt dafür ein?"

Diese Fragen kennen Sie und ich zur Genüge aus unseren Praxen, nicht wahr? Eigenverantwortung ist ein Fremdwort für viele unserer Patienten. Und so liegt aus ihrer Sicht die Verantwortung zum Beispiel für jahrelanges Rauchen, Alkohol- und Drogen-Missbrauch oder die schwere Infektionskrankheit nach abgelehnter Impfung immer beim Arzt oder der Ärztin. Die haben natürlich nie diese Themen mit den Patienten besprochen ... Man hört halt nur, was man hören will.

Zurück zum Fasching bzw. zum Karneval und dem genannten Zeitungsartikel: Darin stand, dass nicht nur die Zuschauer der Faschingsumzüge durch die werfenden Narren auf den dekorierten Wagen gefährdet seien, sondern auch die Werfer selber. Die Zuschauer schössen nämlich mit Blasrohren die harten Bonbons einfach zurück! Paart sich da etwa das eigene hohe Sicherheitsbedürfnis mit anonymer Aggressivität?

»Sind wir denn alle Weicheier geworden?«

Die "weiche Wurfware" schützt also auch die Mitwirkenden am Faschingszug, die oft in langer mühevoller Arbeit die Wagen aufgebaut und dekoriert haben und nun – hurra, wir haben es rechtzeitig geschafft – vor Glückseligkeit oder von Alkohol schwankend auf den Aufbauten stehen und vorbeiparadieren. Dabei ist ein Sturz im betrunkenen Zustand vom Wagen sicher verletzungsträchtiger als ein geworfenes Bonbon. Aber das Bonbon kann natürlich der letzte Auslöser für den Sturz sein.

Und so kann ich schließlich auch den Ausruf einer Mutter auf dem Spielplatz einsortieren, die ihrem übergewichtigen Kind nachrief: "Lauf nicht so schnell, sonst fällst Du hin!" Da wundert mich eigentlich nicht mehr viel, weder die motorische Ungeschicklichkeit vieler Kinder, noch der hohe Prozentsatz an Übergewichtigen in unserer Bevölkerung, noch die wurfwarenreglementierte Gaudi.

Wenn wir nur noch nach Sicherheit streben, geht mit Sicherheit das Leben an uns vorbei. Schade, wollen wir Hausärzte doch unsere Patienten im richtigen Leben und nicht in Watte gepackt begleiten.