Mein Rezept: Erst no carb, dann low carb!

Kolumnen Autor: Dr. Jörg Vogel

„So langsam müsste doch jedem klar sein, dass Lightprodukte und fett­arme Kost der falsche Weg sind“ © Fotolia/Yulia Furman

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Gewicht verlieren für die Sommerfigur

Wenn der Wonnemonat Mai an die Türen klopft, geraten einige meiner Patientinnen in Panik. Weihnachten ist schon Monate her, Ostern auch und immer noch keine Bikinifigur in Sicht. Obwohl man doch schon seit Wochen die Kalorien zählt. Wenn diese Frauen an die Sommerferien denken, plagen sie Albträume. Zum Beispiel, dass ihre Kinder am Strand von mitleidigen Menschen gefragt werden, ob „die Dicke da“ ihre Mutti sei. So etwas ist nicht schön. Es findet aber praktisch auch kaum statt. Haben nun aber alle Zeitschriftentipps, Diäten und Mittelchen aus dem Internet versagt, landen diese unglücklichen Frauen bei mir. Hilfesuchend und depressiv.

Meine erste Frage kann ich mir beinahe selbst beantworten: „Was essen Sie am Tag?“ – „Na nichts!“ Dann zögernd: „Jedenfalls fast nichts. So wenig, wie ich esse, da müsste ich eigentlich gertenschlank sein!“ Danach folgt eine Aufzählung der kargen, extrem fettreduzierten Kost: Müsli, Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, kaum Fleisch und Wurst. Fruchtsäfte und Smoothies statt Softgetränken. Viel Wasser und Tee. Ich nehme meinen Patientinnen diese Ernährung und Disziplin ab. Und trotzdem nehmen sie nicht deutlich ab. Obwohl es doch eigentlich das ist, was wir Ärzte ihnen so viele Jahre geraten haben. Nebst Bewegung natürlich.

Angesichts der progredienten Adipositasepidemie in der westlichen Welt muss es nun doch langsam jedem klar werden, dass der Weg der fettarmen Kost und der Lightprodukte der falsche ist. Dabei müssen es (neben der genetischen Belastung) doch vor allem die Kohlenhydrate sein, die dafür verantwortlich sind. Denn viele der großen „Volkskrankheiten“ wurden erst zu diesen, seit der Zucker als Massenprodukt in die Ernährung kam. Und im Rahmen der industriellen Nahrungsproduktion in so ziemlich jedem Lebensmittel auftaucht.

Nach erfolgter Labordiagnostik lautet deshalb mein Rat an diese Patienten: Möglichst nichts Süßes! Möglichst keine Weizenprodukte (wegen des meist hohen glykämischen Index). Möglichst wenig Alkohol. Nur ein bis zwei Früchte am Tag. Und sie­he da, es geht abwärts mit dem Gewicht. Bei 20–30 g Kohlenhydraten am Tag sogar sehr schnell. Ich empfehle dies für die nächsten vier Wochen. Danach sollen sie unter 50 g Kohlenhydraten pro Tag bleiben.

Sogar Blutdrucktabletten werden überflüssig

Natürlich gefällt diese dramatische Ernährungsänderung nicht jedem. Es bedarf vieler (kaum bezahlter) Gesprächsminuten, bis die Vorurteile gegen eine solche Lebensweise ausgeräumt sind. Auch die vielen familiären, arbeitsbedingten (Pausenkost) und zeitlichen Hindernisse müssen besprochen werden. Motivation zu Sport und Bewegung gehört auch dazu. Manche geben auf. Die Mühe lohnt sich trotzdem. Nicht nur, was das Gewicht angeht. Etwa ein Drittel dieser Patienten kann sogar die Blutdruckmedikation beenden.

Nun will ich hier nicht als Verkünder der alleinigen Wahrheit dastehen. Aber ich habe genau dieses Vorgehen vor fünf Jahren im Selbstversuch getestet. Vier Wochen lang eine nahezu kohlenhydratfreie Ernährung und danach low carb. Das Ergebnis: Eine Gewichtsreduktion von 14 kg in 16 Wochen! Bis heute sind es minus 10 kg geblieben. Trotz Urlaub, Traumschiff, Feiertage mit voller Hütte. Es funktioniert, am eigenen Körper bestätigt.

Für mich aber die eigentliche Erkenntnis: Ich hätte es vor 2013 nicht für möglich gehalten, wie sehr das eigene Beispiel wirkt. Und wie schön dieses Gefühl ist, bei Patienten Medikamente gegen Hypertonie oder Diabetes zu reduzieren oder gar absetzen zu können, anstatt immer neue hinzuzugeben. Denn diese Krankheiten galten ja als chronisch, unheilbar. „Einmal Betablocker, immer Betablocker“ hieß es in der Ausbildung noch. Heute weiß ich es besser. Und die Mühe, einen Patienten beim erfolgreichen Abnehmen zu begleiten, lohnt sich. Nein, nicht wegen der Kohle, sondern wegen des Gefühls, hier wirklich noch Arzt sein zu können.