Mit Stethoskop und Beobachten ist Mensch und Tier zu helfen

Gesundheitspolitik Autor: Cornelia Kolbeck

C. Kolbeck

Dr. Peter Karl Wirth und seine Ehefrau Claudia betreuen mit großer Leidenschaft alte und lungenkranke Pferde. "Es ist wie bei meinen Tumorpatienten", sagt der Palliativmediziner. „Es ist wichtig, die Lebensqualität so gut wie möglich zu erhalten.“

Es ist ruhig im brandenburgischen Görlsdorf. Rundherum nichts als Felder, Wald und Wiesen. Die polnische Grenze ist nicht weit. Kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges lagen die Russen hier in Deckung, um schließlich über die Seelower Höhen nach Berlin vorzustoßen.

Der Hof der Wirths ist ein vom Dachverband der Reiter und Züchter ausgezeichneter Spezial­pferdebetrieb. Das Gemäuer hat schon bessere Zeiten gesehen, doch die Ställe sind bestens in Schuss, die Koppeln naturbelassen und die Pferde sind trotz ihres Alters und ihrer Erkrankungen gut genährt, ruhig, ausgeglichen und sichtlich zufrieden.

Wochentags auf Station und im Versorgungszentrum

Geboren und aufgewachsen ist Dr. Peter Karl Wirth in Oberbayern. Studium und Assistenzarztstelle brachten ihn nach Berlin und Frankfurt am Main. 1994 kam er nach Frankfurt an der Oder, um am Klinikum gemeinsam mit Kollegen die Strahlentherapie aufzubauen.

Heute arbeitet der Facharzt für Strahlentherapie, Hypnotherapie und Palliativmedizin wochentags jeweils zur Hälfte am Klinikum Barnim in Eberswalde auf Station sowie ambulant im Medizinischen Versorgungszentrum. Seine Frau lernte er während des Studiums kennen. Sie ist freiberufliche Pharmareferentin und berät Apotheker.

Nicht nur die Liebe zueinander, sondern auch die Liebe zu den Pferden hat die beiden von Anfang an verbunden. Er war in seiner Jugend Dressurreiter, sie als Teenager Springreiterin. „Da lag es irgendwann nahe, wieder auf den Rücken eines Pferdes zu steigen“, sagt Dr. Wirth.

"Sehr erschüttert", über das Aussehen vieler Pferde

Die Preise für eine gemietete Pferdebox sind über die Jahre gesunken. Allerdings geht das oft zulasten einer artgerechten Haltung. Das sahen auch die Wirths. "Es hat uns sehr erschüttert, wie viele Pferde aussahen. Dünn und knochig. So etwas kannten wir gar nicht", erzählt Claudia Wirth.

Sie und ihr Mann entschieden sich deshalb schon bald für einen eigenen Stall – und ausgelöst durch eine traurige Erfahrung – auch für eine spezielle Betreuung der Tiere.

"Unser erstes Pferd war in einem schlechten physischen Zustand. Es war fast präfinal, hatte eine schwere Herzsymptomatik", erinnert sich Claudia Wirth. Sie berichtet, dass sich der Tierarzt zwar an die Dosierung hielt, das Tier aber dennoch starb.

Kaum Erfahrung mit der Behandlung älterer Pferde

Heute wissen die Wirths, dass es kaum Erfahrungswerte für die Behandlung älterer Pferde gibt, denn kaum jemand gibt dafür Geld aus; so bleibt auch die Forschung auf der Strecke.

Das Ehepaar therapiert deshalb auf dem eigenen Hof in stetem Kontakt zum Tierarzt die eigenen Pferde selbst. Sie tasten sich sehr vorsichtig an die richtige Dosierung heran – ganz gleich, ob es sich um eine Herz- oder Lungenerkrankung oder eine Arthrose handelt.

"Wir machen das immer an der Klinik fest", erklärt Dr. Wirth. Wichtig sind für ihn, wie er sagt, "ganz klassisch: das Stethoskop und das Beobachten".

Das sei wie beim Menschen, sagt er. "Wenn man einen Patienten eine Weile beobachtet, kann man sich eine Menge Untersuchung sparen."

Schulmedizin plus alternative Methoden

Die Wirths therapieren ihre Pferde nach "Schulmedizin", aber auch mit alternativen Methoden. Zum Einsatz kommen unter anderem Magnetfeld- und Schallwellentherapie, um den Schleim in der Lunge zu lösen.

Das Wissen des Arztes und der Pharmazeutisch-technischen Assistentin ergänzen sich dabei. "Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist eigentlich gar nicht so groß", sagt Claudia Wirth lachend.

Die Ideen gehen den Wirths nie aus, um den vierbeinigen Pensionären und den eigenen Pferden trotz deren Krankheiten und Alter die Lebensqualität so gut wie möglich zu erhalten.

Im Stall zeigt Dr. Wirth auf dicke Gummimatten in den Boxen. Diese würden helfen, Schmerzen beim Auftreten zu verringern. "Und das zusätzlich großzügig eingestreute Stroh bringt sogar Pferde zum Hinlegen, die sich laut Besitzer niemals hinlegen", sagt er.

Dann hebt Dr. Wirth den Fuß eines Pferds an und zeigt das verkehrt herum aufgenagelte Hufeisen: "Das lindert Arthroseschmerzen, weil es den Abrollpunkt am Fuß optimiert und die Gelenke so entlastet."

Einschläferung ent­gangen, mit 40 ein Methusalem

Das Polopferd Mignon gehört zu den Pensionsgästen, es sollte wegen einer schweren Lungen- und Herzerkrankung und einer stark ausgeprägten Arthrose eingeschläfert werden.

Jetzt, auf dem Hof, geht es ihm deutlich besser. "Dabei ist er mit Anfang 40 schon ein Methusalem", so Dr. Wirth. Pferde gelten im Durchschnitt mit 18 Jahren als Senioren.

Vielfach zieht Dr. Wirth Parallelen zu seiner Arbeit als Arzt. So auch, als er erklärt, wie wichtig es im Alter ist, genügend zu trinken. Da auch alte Pferde ein vermindertes Durstempfinden hätten, werde auf dem Hof die Wasseraufnahme genau kontrolliert.

Statt automatischer Tränken seien Wassereimer aufgehängt, an denen sich die getrunkene Menge ablesen lasse. Ein Trinkdefizit werde ggf. über aufgeweichtes Futter ausgeglichen.

Dr. Wirth macht zudem auf eine soziale Komponente aufmerksam. Gerade im Alter sei Gesellschaft sehr wichtig. Bei Pferden und Menschen gleichermaßen. Zuwendung sei überhaupt ein wesentlicher Faktor.