"Muss ich sofort in die Notaufnahme?" Ärztenetz berät Versicherte am Telefon

Gesundheitspolitik Autor: Dr. Caroline Mayer

Um die Beratungs-Hotline nutzen zu können, müssen sich die Patienten vorher über eine App oder die Homepage des Projekts registrieren. © GOINakut/CreativeCrunk

Bundesweit werden Lösungen gesucht, wie diejenigen Patienten davon abgehalten werden können, die Notaufnahmen der Kliniken aufzusuchen, die keine Notfälle sind. In Bayern wird ausprobiert, ob sie sich mittels telefonischer Empfehlung lenken lassen.

Bis zu zwei Drittel der Patienten, die in Notaufnahmen der Krankenhäuser versorgt werden, könnten auch ambulant behandelt werden, ermittelte jüngst eine Studie des Instituts für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen. Das Problem ist lange bekannt, eine schnelle Lösung nicht in Sicht.

In Europa schon verbreitet: Beratung rund um die Uhr

In der Region Ingolstadt wird jetzt ein telemedizinisches Angebot zur Patientensteuerung getestet, das schon in vielen europäischen Ländern erfolgreich eingesetzt wird: eine kostenlose, rund um die Uhr erreichbare Beratungs-Hotline. Dort können Bürger ihr Krankheitsbild schildern und sich eine Empfehlung geben lassen. Muss ich sofort in die Klinik? Oder reicht ein Hausarztbesuch am nächsten Tag oder gar der Griff in die Hausapotheke?

Hinter dem Angebot stehen das Ärztenetzwerk GO IN und die Bayerische TelemedAllianz. "Wir wollen die Patienten zum richtigen Ansprechpartner steuern", sagt der Projektleiter von GOINakut, Nicolas Maier-­Stocker.

Das funktioniert so: Die Berater am Telefon hören sich zunächst die Beschwerden des Anrufers an. Dann ermitteln sie mithilfe eines Fragekatalogs den Behandlungsbedarf. "Wir haben in einer Software für Krankheitsbilder – wie zum Beispiel ‚Husten‘ – Fragenkataloge hinterlegt, die jedes Jahr von einem medizinischen Team überprüft und angepasst werden", erklärt Maier-Stocker. Bei jeder Frage findet der Berater am Telefon Hinweise zum weiteren Vorgehen und mögliche Querverweise auf andere Krankheitsbilder.

GO IN und TelemedAllianz

Das Praxisnetz GO IN zählt 430 niedergelassene Ärzte aller Fachrichtungen aus Ingolstadt und Umgebung als Mitglieder. Unter anderem betreibt es Bereitschaftspraxen. Die 2012 in Ingolstadt gegründete und vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit und Pflege geförderte Bayerische TelemedAllianz initiiert und koordiniert telemedizinische Projekte im Freistaat. Vorsitzender von GO IN e.V. und Geschäftsführer der GO IN GmbH sowie der TelemedAllianz ist der Allgemeinarzt Professor Dr. Siegfried Jedamzik.

Für die Ingolstädter-Hotline sind in der Pilotphase ausschließlich Ärzte mit einer notfallmedizinischen Weiterbildung tätig. In anderen europäischen Ländern werden speziell geschulte Krankenschwestern mit langjähriger Erfahrung in der Patientenversorgung eingesetzt. Rechtlich wäre das auch hier möglich, sagt Maier-Stocker. "Aber in der Pilotphase wollen wir maximale Sicherheit. Wenn die Software ausfällt, kann ein erfahrener Arzt einfach besser handeln."

Die Berater am Telefon stellen keine Diagnose, sondern geben lediglich eine Dringlichkeitseinschätzung bzw. eine Empfehlung, die nicht bindend ist. "Auch wenn die Berater empfehlen, dass ein Anrufer am nächsten Tag zum Hausarzt gehen soll, kann er natürlich trotzdem in die Notaufnahme gehen", sagt Maier-Stocker. Die meisten Anrufer wollten aber gar nicht in die Klinik, sondern einfach beruhigt werden. Viele Anrufer seien froh, wenn ihnen geraten wird, erst am nächsten Tag zum Arzt zu gehen.

Schließlich ist die Hotline auch nicht für lebensbedrohliche Notfälle gedacht. "Wenn klar ist, dass Lebensgefahr besteht, soll natürlich weiter die 112 gewählt werden. Wir wollen mit unserem Angebot nicht die Rettungskette verlängern", betont der Projektleiter.

Im Erfolgsfall mit Kassen und KV über Finanzierung reden

Bezahlt wird das Angebot in der Pilotphase vom Ärztenetz GO IN und von der Bayerischen TelemedAllianz. Die Ärzte am Telefon erhalten jeden Monat eine Pauschale und pro Anruf eine variable Vergütung. Wenn das Projekt erfolgreich ist und fortgeführt wird, will das Praxisnetz mit Krankenkassen und Kassenärzt­licher Vereinigung über Finanzierungsmöglichkeiten verhandeln.

Evaluiert wird das Projekt nach Abschluss der Pilotphase im Juni. Bisher liegen noch keine genauen Zahlen vor. Maier-Stocker kann aber bereits sagen, dass das Angebot in der Stadt Ingolstadt gut angenommen wird; in den Landkreisen Eichstätt, Pfaffenhofen und Neuburg-Schrobenhausen "müssen wir noch bekannter werden".

Um die Beratungs-Hotline mit der Ingolstädter Rufnummer (0841) 8 866 866 nutzen zu können, müssen sich die Patienten vorher über eine App, die Homepage von GOINakut oder per Post bzw. Fax registrieren und eine Einwilligungserklärung abgeben.

Quelle: Medical-Tribune-Bericht