„Sterbende haben mehr als nur körperliche Bedürfnisse“

Interview Autor: Anouschka Wasner

Bestimmte Aspekte der Palliativmedizin, wie etwa Schmerz, psychosoziale Aspekte, Spiritualität, spielen eine so elementare Rolle in der Palliativversorgung. © fotolia/Photographee.eu

Die Diskussion um die neuen Leistungen im Palliativbereich wird weiter geführt. Wir haben eine Expertin aus diesem Bereich zu ihrer Sicht befragt.

Frau Becker, die neuen EBM-Leistungen sollen die Palliativversorgung durch Haus- und Fachärzte stärken. Können die Ziffern das leisten?

Dorothée Becker: Die Mehrzahl der sterbenden Menschen könnte im Prinzip durch Haus- und Fachärzte versorgt werden, man schätzt, dass nur 10 bis 20 % der Palliativpatienten spezielle Leistungen der SAPV benötigen. Bisher scheiterte das aber z.B. daran, dass die Erreichbarkeit durch Haus- oder Fachärzte nicht umfassend gewährleistet werden kann. An dieser Stelle setzt die Ziffer 37317 an. Ähnliches gilt für die Koordinierungsziffer 37302 und die Ziffer für die Konsiliarleistungen, die beide Ärzten neue Möglichkeiten in der Versorgung öffnen.

 

Über die neuen Ziffern bekommen mehr Vertragsärzte einen intensiveren Umgang mit Sterbenden. Was bedeutet das für den Einzelnen?

Dorothée Becker: Der Auftrag eines Arztes im Umgang mit Sterbenden unterscheidet sich von seiner „Kern­arbeit“, dem Patienten zur Heilung zu verhelfen. Bei einem Palliativpatienten geht es darum, Bedürfnisse und Bedarfe mit Blick auf die Lebensqualität zu erkennen. Diese gehen bereits in der Anfangsphase des Sterbeprozesses über die körperlichen hinaus und reichen oft weit in psychosoziale und spirituelle Bereiche. Gleichzeitig ist der Arzt bereits bei der Diagnosestellung mit Trauer konfrontiert – nicht nur vom Patienten, sondern auch von Angehörigen, die begleitet und befähigt werden müssen. Das kann für Ärzte eine deutliche Erweiterung ihrer Tätigkeitsfelder bedeuten.

 

Wie können Ärzte die Begegnung mit Sterbenden persönlich bewältigen?

Dorothée Becker: Das Schwierige ist, dass die Begegnung mit dem Tod tatsächlich sehr persönlich erlebt wird, Ärzte und Pflegende aber gleichzeitig ein professionelles Verhalten gewährleisten müssen. Der Umgang mit Sterbenden erfordert eine hohe Bereitschaft zur Selbstreflexion. Der Austausch im Team kann eine Schutzfunktion in der Auseinandersetzung mit dem Thema Endlichkeit und der eigenen Angst bieten. Es gibt eine Studie dazu – „Wie viel Tod verträgt das Team?“ –, die das unterstreicht. Für Ärzte heißt das: Kollegen und Pflegende mehr einbeziehen, als sie es vielleicht bisher gewohnt sind.

 

Die Voraussetzungen für die Abrechnung – wie sinnvoll sind sie?

Dorothée Becker: Ein bestehendes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient ist ein wichtiger Baustein in der Versorgung. Aber die Erfahrung des palliativmedizinisch Betreuenden sowie sein Kooperationspotenzial spielen auch eine große Rolle – insofern geht der Ansatz der KBV in die richtige Richtung. Und bestimmte Aspekte der Palliativmedizin, wie etwa Schmerz, psychosoziale Aspekte, Spiritualität, spielen eine so elementare Rolle in der Palliativversorgung, dass spezielle Kenntnisse sehr hilfreich sind.