Versorgungsforschung im Rhein-Main-Gebiet: Hausärzte vor!

Gesundheitspolitik Autor: Petra Spielberg

Thinkstock

Die Versorgungsforschung in der Hausarztpraxis steckt hierzulande noch in den Kinderschuhen. Praxen aus dem Rhein-Main-Gebiet können sich jetzt beim Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität für Forschungsvorhaben zu bewerben.

„Hausarztpraxen, die sich an entsprechenden Forschungsprojekten beteiligen, können dazu beitragen, die Disziplin der Allgemeinmedizin weiterzuentwickeln“, so Professor Dr. Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Frankfurter Goethe-Universität.

Um die Versorgungsforschung in seinem Fach voranzutreiben, hat Prof. Gerlach mit seinen Mitarbeitern das Frankfurter Netzwerk Akademischer Forschungspraxen ins Leben gerufen. Rund 400 Hausarztpraxen aus dem Rhein-Main-Gebiet unterstützen es durch regelmäßige Projektteilnahmen.

Alle Studien werden laut Prof. Gerlach ausschließlich mit öffentlich-rechtlichen Mitteln, z.B. vom Bundesforschungsministerium, gefördert. Die Mitwirkung an den Projekten ist freiwillig, Forschungserfahrung ist keine Voraussetzung. Eine Praxis kann allerdings immer nur an jeweils einer Studie teilnehmen und nicht an mehreren gleichzeitig. Für den Mehraufwand erhalten die Ärzte und ihre Mitarbeiter eine geringe Aufwandsentschädigung.

Depressionen werden jetzt frühzeitiger erkannt

Die Projekte widmen sich unterschiedlichen Fragestellungen. Mit der bereits abgeschlossenen PRoMPT-Studie konnte das Institut belegen, dass eine regelmäßige Intervention und ein niedrigschwelliges Case Management durch hausärztliche Praxen eine optimierte wohnortnahe, ambulante Behandlung von depressiven Patienten ermöglicht.

Die gerade angelaufene PICANT-Studie, für die noch interessierte Praxen gesucht werden, soll Anhaltspunkte für die Optimierung der Versorgung von Patienten mit einer Langzeitindikation für gerinnungshemmende Medikation liefern.

Für die Forschungspraxen hat die Projektteilnahme neben dem Wissensgewinn den Vorteil, dass sie daraus selbst einen praktischen Nutzen ableiten können. „Die Erkenntnisse, die wir aus der PRoMPT-Studie gewonnen haben, helfen uns inzwischen auch, Patienten mit Depressionen früher zu erkennen“, berichtet Dr. Wolfgang Dörr, Allgemeinarzt aus Rödermark.

Für die Frankfurter Hausärztin Dr. Christiane Kunz, die ebenfalls schon an mehreren Projekten teilgenommen hat, ist ferner wichtig, dass die Studien wissenschaftliche Belege dafür liefern, wie sich z.B. die Versorgung und der Umgang mit chronisch kranken Patienten verbessern lässt.

Ein typisches Problem sei die Polymedikation von multimorbiden Patienten, mit der sich derzeit eine weitere Studie beschäftigt. Den mitunter erheblichen Arbeitsaufwand durch eine Projektteilnahme nimmt die Allgemeinärztin, die ihre Praxis zusammen mit ihrem Ehemann und vier Mitarbeiterinnen betreibt, für den Erkenntnisgewinn gerne in Kauf.

„Die Versorgungsforschung steckt in Deutschland nur leider noch viel zu sehr in den Kinderschuhen“, bedauert Dr. Kunz. Andere europäische Staaten, wie die Niederlande oder Großbritannien, sind nach Aussage von Prof. Gerlach dagegen schon viel weiter: „Das hängt damit zusammen, dass in diesen Ländern die Akademisierung der Allgemeinmedizin eine längere Tradition hat.“

Forschungspraxen erhalten zusätzlichen Titel

Einen wesentlichen Vorteil des Netzwerks sieht der Wissenschaftler und DEGAM-Präsident Prof. Gerlach in der Möglichkeit von Kooperationen und im wissenschaftlichen Informationsaustausch zwischen Hausärzten und Institut. „Praxen, die an einem Projekt erfolgreich teilgenommen haben und uns auch weiterhin unterstützen wollen, können den Titel akkreditierte ‚Akademische Forschungspraxis der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main’ erwerben“, betont Prof. Gerlach. 95 Praxen führen diese Bezeichnung bereits.