Wer mitreden will, muss Ahnung haben!

Kolumnen Autor: Dr. Günter Gerhardt

Politisch mitreden zu können ist laut Dr. Gerhardt das A und O. © fotolia/blende11.photo

Das Thema in unserer Praxiskolumne: Politisch auf dem aktuellen Stand sein ist wichtig!

Per Live-Stream lässt die KBV die Welt online an ihren öffentlichen Vertreterversammlungen (VV) teilhaben. So auch am Montag, den 22. Mai. Ich hatte einigen Kolleginnen und Kollegen empfohlen, sich das mal anzuschauen, und erntete Verwunderung: "Montagmorgen, 10 Uhr?"

Am Abend trafen wir uns dann beim Italiener. Das Resümee kann ich knapp zusammenfassen. Die allgemeinen Vorbemerkungen in der KBV-VV zu unserem Gesundheitssystem wurden verstanden. Dann aber wurde es teilweise schwierig: Woher soll ich wissen, was ein DKG-Präsident gesagt hat? Was ist ein dritter Sektor? Was ist mit zentraler Verwendung der 116117 gemeint? Wieso stellt Substitution die Verhältnisse auf den Kopf? Die KBV vertritt nicht unsere Interessen! Und so weiter. Natürlich gab es auch Zustimmung, vor allem zu den Themen Honorar und Investitionen. Doch unterm Strich schimmerte vielfach Unkenntnis durch. Hinweise auf Infoquellen wie die KV-Homepages, KV-TV, KBV2GO oder Zeitschriften wurden mit Abwinken oder hochgezogenen Augenbrauen bedacht.

»Montag, 10 Uhr, die KBV sendet per Live-Stream«

Liebe Kolleginnen und Kollegen, bitte glauben Sie mir als jemandem, der, als er anfing, nicht den Unterschied zwischen Kammer und KV kannte, dann in KV und Medien mitten im Geschehen stand und jetzt wieder vornehmlich Patienten versorgt: Wir sollten berufspolitisch besser informiert sein und substanzieller argumentieren können. Ich habe es immer wieder erlebt, dass die Medien in einer Talkshow einem erfahrenen Politiker einen politisch unerfahrenen Arzt an die Seite setzen. Mit entsprechender Wirkung.

Glauben Sie mir: Es ist besser, politisch mitreden zu können. Klar, am Anfang muss man sich mit etwas Zeitaufwand die Basics reinziehen, dann aber reicht es, dranzubleiben. Konzentrieren Sie sich auf ein, zwei Zeitungen, die Sie heutzutage auch online lesen können.

Spätestens dann, wenn Sie einem Politiker mit Ihrem Wissen und Ihrer Erfahrung so richtig Paroli bieten konnten, wird Ihnen die Berufspolitik auch Spaß machen.

»Politikern Paroli bieten macht Spaß«

Konkret: Welche Themen bedürfen derzeit unserer Aufmerksamkeit? Na, da empfehle ich Ihnen doch das Acht-Punkte-Programm der KBV für eine moderne Gesundheitsversorgung in Deutschland. Stellen Sie sich zu den einzelnen Punkten die Frage, inwieweit Sie involviert sind und ob Sie zur Problemlösung etwas beitragen können. Ansätze wären zum Beispiel:

Punkt 1: Überprüfen Sie den Text Ihres Anrufbeantworters. Stimmen die Angaben? Wird dem anrufenden, vielleicht sehr aufgeregten Patienten mit der Ansage weitergeholfen?

Punkt 2: Sind Sie wissensmäßig sattelfest, was den Sicherstellungsauftrag betrifft? Wenn nein: Bitte nachlesen! Nur dann können Sie die notwendigen Eckpunkte zur ambulanten Notfallversorgung verstehen.

Punkt 3: Sie bekommen für einen Schmerzpatienten erst in sechs Wochen einen Termin? In so einem Fall ruft man schnell mal nach zusätzlichen Schmerztherapeuten. Aber jede neue Arztstelle wird aus der gedeckelten Gesamtvergütung finanziert. Also: Stellenzuwächse "ja", aber nur mit neuem Geld!

Punkt 4: Selbstredend, die Budgetierung muss beendet werden! Allerdings: Diesem Satz sind auch schlüssige Argumente anzufügen.

Punkt 5: Die Digitalisierung macht Sinn, ist nicht aufzuhalten und wird besonders von unserem Nachwuchs begrüßt. Aber sie muss sich für uns kostenneutral darstellen.

Punkt 6: An der Nachwuchsgewinnung können Sie sich beteiligen, indem Sie Famulanten aufnehmen oder Weiterbildungsassistenten beschäftigen. Und jeder kann darauf hinweisen, was unseren Nachwuchs abschreckt und folglich abgeschafft gehört bzw. erst gar nicht kommen darf. Voraussetzung ist wieder ein guter Informationsstand. (Selbsttest-Beispiel: Ist Ihnen die aktuelle Diskussion um den "Mischpreis" und das "Arztinformationssystem" geläufig? Eine tickende Zeitbombe!)

Punkt 7: Wir sagen „Ja“ zur Ko­operation mit nichtärztlichen Gesundheitsberufen, aber „Nein“ zur Substitution, also Medizin einmal vom Arzt und einmal vom Hilfsberuf.

Punkt 8: Dreimal ein klares "Ja" zum Miteinander von Kollektiv- und Selektivvertrag, zur KV sowie zum Fortbestand des dualen Finanzierungssystems mit GKV und PKV.