Wir können ambulant und verzahnt

Kolumnen Autor: Dr. Günter Gerhardt

"Warum zu den besten Praxisöffnungszeiten die Notfallambulanzen in den Kliniken voll sind, darüber sollten wir uns Gedanken machen." © Fotolia/Wellnhofer Designs

Das Thema in unserer Praxiskolumne: „Mit anderen Heilberuflern eine Praxis betreiben.“

Sektorenübergreifende Versorgung – losgetreten wurde dieses Thema durch Pressemeldungen über ein Millionenminus der Krankenhäuser bedingt durch überfüllte Notfallambulanzen. Schnell wurde wieder unser Sicherstellungsauftrag hinterfragt. Der ist aber seit 1955 gesetzlich verankert: KVen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und somit Träger der mittelbaren Staatsverwaltung.

Ihnen obliegt es vor allem, die ambulante ärztliche Versorgung sicherzustellen, die Rechte der Ärzte gegenüber den Krankenkassen zu wahren, Verträge auszuhandeln und das Gesamthonorar auf die Mitglieder zu verteilen. Dafür verzichten die Ärzte auf das Streikrecht und akzeptieren eine verbindliche Schlichtung durch Schieds­ämter. Der Sicherstellungsauftrag stellt für viele Praxen eine Art Lebensversicherung dar und muss erhalten werden.

Termine mit Wartezeiten bis zu sechs Monaten

Warum jedoch zu den besten Praxisöffnungszeiten die Notfallambulanzen in den Kliniken voll sind, darüber sollten wir uns Gedanken machen. Es kann nicht sein, dass wir im ambulanten Bereich Termine anbieten mit Wartezeiten von bis zu sechs Monaten, sodass der Hausarzt vor lauter Verzweiflung seine Patienten zur schnellen Abklärung ins Krankenhaus einweist.

Die Vertretungen müssen besser, sprich für den Patienten verlässlicher, geregelt werden. So kann der Verweis auf die Bereitschaftsdienstpraxis (BDP) nur erfolgen, wenn diese auch besetzt ist (Texte auf dem Anrufbeantworter überprüfen!). Der Verweis an die Klinik geht gar nicht.

In vielen Regionen ist die BDP jede Nacht, am Mittwochnachmittag, an Wochenenden und Feiertagen geöffnet. Noch mehr Öffnungszeiten? Pardon, dann ist das kein Sicherstellungsauftrag mehr.

"Wir können auch stationär"

Da verwundert es nicht, dass die Politik längere Praxisöffnungszeiten abends und am Wochenende erwägt. Dieses Nachdenken aber ist unsere Aufgabe. Eine Antwort könnten z.B. Praxiskliniken in der Hand niedergelassener Haus- und Fachärzte als Ersatz für kleine, unwirtschaftliche Krankenhäuser sein. Das wäre auch die richtige Reaktion auf Begehrlichkeiten der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Flapsig ausgedrückt: „Wir können auch stationär.“

Theoretisch könnten wir seit 1989 Praxiskliniken gründen. Um die Vergütung müsste sich die KV kümmern, noch bekämen wir nämlich keine Fallpauschalen, da wir kein Krankenhaus sind. Verträge abzuschließen dürfte nicht das Problem sein, da alle Beteiligten von solchen Praxiskliniken profitieren würden.

Ich habe dieses und das Modell einer „Kooperationsgemeinschaft mit anderen Heilberufen“ in unserem Gesundheitsnetz, in dem all diese Heilberufe Mitglied sind, vorgestellt und keine Ablehnung gehört. Im Juni 2018 will die Gesundheitsminis­terkonferenz dazu einen Vorschlag unterbreiten. Bereits festgestellt wurde: „wenn es den Ärzten gestattet ist, mit Angehörigen anderer Heilberufe eine medizinische Ko­operationsgemeinschaft (...) bei der Heilbehandlung einzugehen, dann muss es erst recht möglich sein, mit anderen Heilberufen eine Praxisgemeinschaft einzugehen.“

Es vergeht kein Tag, an dem der Name von Minister Jens Spahn nicht in den Nachrichten auftaucht. Er wird seine Vorstellungen, auch zur sektorenübergreifenden Versorgung, schnell umsetzen. Das müssen wir akzeptieren und im Gegenzug unsere Hausaufgaben machen. Das A und O ist dabei die Verbesserung der Konkurrenzfähigkeit gegenüber dem stationären Sektor. Das heißt: „Wir sind und bleiben zuständig für die ambulante (Notfall-)Versorgung!“

Die Notfallversorgung ist mit den BDP in den Krankenhäusern und einem gemeinsamen Tresen auf einem guten Weg. Im ambulanten Sektor allgemein müssen wir Verschleißerscheinungen reparieren. Dazu gehören die schnellere Abklärung von Beschwerdebildern im Hausarzt-Facharzt-System und ein effizientes Lotsen der Patienten durch den Versorgungsdschungel. Das kann aber nur funktionieren, wenn der Lotse Hausarzt über alles informiert wird – was in der Vergangenheit bereits besser geklappt hat. Die Politik ist darüber informiert. Und schon kommt aus dem Gesundheitsausschuss des Bundestags der Ruf nach dem Primärarztmodell.