Medizinstudium Vom Hörsaal in die Landarztpraxis

Niederlassung und Kooperation Autor: Ruth Bahners

Bundesweit ist man bemüht, dem Nachwuchs die Tätigkeit auf dem Land schmackhaft zu machen. Bundesweit ist man bemüht, dem Nachwuchs die Tätigkeit auf dem Land schmackhaft zu machen. © Thomas Reimer – stock.adobe.com
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Vier Universitäten engagieren sich in Nordrhein-Westfalen gemeinsam gegen den Landarztmangel. Durch Praktika in ländlichen Praxen sollen schon Studierende Gefallen an der Tätigkeit finden.

Die Allgemeinmedizinischen Fakultäten der Universitäten Duisburg-Essen, Düsseldorf, Bochum und Witten-Herdecke haben ein Lehrkonzept entwickelt, mit dem Studierende gezielt für eine Tätigkeit als Landarzt interessiert und qualifiziert werden sollen. Das Bundesgesundheitsministerium stellt dafür 1,7 Millionen Euro über drei Jahre bereit.

Das Projekt LOCALHERO (Longitudinales Curriculum Allgemeinmedizin zur Stärkung der Hausärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen) ist im Januar 2022 gestartet und läuft bis Ende 2024. Die beteiligten Institute wollen die Ausbildung im Fach Allgemeinmedizin mit besonderem Fokus auf die Versorgung in ländlichen Regionen weiterentwickeln und ergänzen. Auch im Hinblick auf die neue Approbationsordnung, die 2025 in Kraft treten soll und die obligatorische Praktika enthalten werde, so Prof. Dr. Stefan Wilm, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Centre for Health and Society des Universitätsklinikums Düsseldorf und verantwortlich für die Evaluation.

Vor allem der praktische Teil bekommt in dem besonderen Seminarangebot für die „Localheros“ ein größeres Gewicht. Jährlich finden Praktika in Hausarztpraxen auf dem Land statt, die durch ein innovatives Seminarangebot an den Universitäten Duisburg, Bochum und Witten-Herdecke ergänzt werden.

Studierende überrascht von Versorgungsspektrum

Düsseldorf hat die Evaluation übernommen. Das besondere Lehrangebot richtet sich zunächst an eine kleinere Gruppe mit jeweils 25 Studenten, an der auch Studierende der Landarztquote teilnehmen.

„Ziel des Projektes ist es, die Hausarztmedizin im ländlichen Raum in Nordrhein-Westfalen durch qualifizierten und motivierten Nachwuchs nachhaltig zu stärken“, sagt Wilm. In Düsseldorf gehören siebenwöchige Praktika schon länger zum Studiengang in der Allgemeinmedizin.

Während der Praktika lernen die Studierenden Regionen kennen, die außerhalb des städtischen Speckgürtels liegen. Aber auch in unterversorgten städtischen Gebieten wie dem Dortmunder Norden oder Köln-Chorweiler würden die Praktika stattfinden, so Wilm. Sie können dort praktische Erfahrungen mit Patienten unter dem 1:1-Mentoring von versierten Lehrärzten sammeln.

Es handle sich um ein partizipatives Modell, das heißt, die Studierenden können und sollen auch die Möglichkeit haben, Anregungen für das Studium aufgrund ihrer Erfahrungen einzubringen. Wilm berichtet im Gespräch mit MT, dass die Studierenden positiv überrascht seien über das breite Versorgungsspektrum der Landarztpraxen und über die Möglichkeiten, auch mit Fachkollegen zu kooperieren. Dazu gehörten auch Telekonsile, die in den Partnerpraxen durchgeführt würden.

Zuschüsse zu Reise- und Herbergskosten geplant

Negativ bemerkten die Studierenden die im Rahmen der Praktika anfallenden Reise- oder Unterbringungskosten. Deshalb sollen sie Zuschüsse aus den Projektgeldern erhalten. Wilm sei aber auch bemüht, vom Land NRW und von den beiden Kassenärztlichen Vereinigungen eine Finanzspritze aus den Strukturfonds zu erhalten.

Auch die Ruhr-Universität Bochum (RUB) kooperiere bereits seit 2016 in ihrer Dependance in Ostwestfalen-Lippe mit Landarztpraxen. „Die Allgemeinmedizin hat in der Region rund 80 kooperierende Landarztpraxen“, berichtet Prof. Dr. Horst Christian Vollmar, Leiter der Abteilung Allgemeinmedizin. Es gebe Hinweise darauf, dass die Studierenden nach dem Studium dann eher eine Tätigkeit auf dem Land in Betracht zögen, wenn sie die Arbeit vor Ort schon haben kennenlernen können.

Derweil entwickelt sich das Projekt Landarztquote in NRW zu einer Erfolgsgeschichte. Laut aktuellem Bericht des Landesgesundheitsministeriums haben sich in den bisher sechs Bewerbungsaufrufen insgesamt 3.349 Personen auf 528 zur Verfügung stehende Medizinstudienplätze im Rahmen der Landarztquote beworben. Mit Stand Dezember 2021 haben 495 Studierende ihre Zulassung zum Studium erhalten. Im Durchschnitt aller Bewerberauswahlverfahren kamen auf einen Studienplatz etwa sieben Bewerbungen.

Erste Studienabschlüsse erst im Sommer 2027

Im Schnitt sind die Bewerber rund 23 Jahre alt. 72 % haben zum Zeitpunkt der Bewerbung in Nord­rhein-Westfalen gewohnt. Bei den Bewerbungen überwiegt der Anteil an Frauen mit 63 %. Die ersten Studierenden schließen ihr Studium frühes­tens im Sommersemester 2027 ab und beginnen dann die fachärztliche Weiterbildung.

Von den rund 11.000 Hausärzten in Nordrhein-Westfalen seien mehr als die Hälfte älter als 55 Jahre. Sie würden in den kommenden 10 bis 15 Jahren altersbedingt in den Ruhestand gehen und aus der Versorgung ausscheiden, so die Prognose des Ministeriums. Die nächste Bewerbungsphase für die Landarztquote startet am 1. März 2022 für das Wintersemester 2022/2023.

Quelle: Medical-Tribune-Bericht

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