SARS-CoV-2/COVID-19: Coronavirus stellt Deutschland vor große Herausforderungen

Praxismanagement , Praxisführung Autor: Cornelia Kolbeck

Einzelne Arztpraxen wurden wegen Quarantäne-Maßnahmen geschlossen. Einzelne Arztpraxen wurden wegen Quarantäne-Maßnahmen geschlossen. © iStock/koto_feja

Deutschland ist gut auf die SARS-CoV-2-Epidemie vorbereitet. Mit solchen Sätzen versucht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn keine Hysterie in der Bevölkerung aufkommen zu lassen. Allerdings teilen nicht alle Experten die Einschätzung des Ministers.

Täglich werden weltweit immer mehr Infektionsfälle mit dem Coronavirus (SARS-CoV-2) und der dadurch ausgelösten Lungenerkrankung COVID-19 (Corona Virus Disease 2019) identifiziert. Nachdem die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Ende Januar den internationalen Gesundheitsnotstand ausgerufen hatte, ist inzwischen auch eine Expertenkommission des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten, der Europäischen Kommission und der WHO tätig.

Alle Staaten sind aufgerufen, gegen die Pandemie aktiv zu werden, findet Professor Dr. Timo Ulrichs, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologe am Max-Planck-Institut für Infektions­biologie in Berlin. Für Deutschland bedeute das, Isolations- und Quarantänemaßnahmen strikt umzusetzen, damit die Verbreitung des Virus zumindest verlangsamt und so Zeit für weitere Gegenmaßnahmen gewonnen werden kann.

Oft wurde seit dem 11. September 2001 über die Möglichkeit eines Terroranschlags nachgedacht. Es wurde durchgespielt, wie sich die medizinische Versorgung aufrecht erhalten lässt, wenn auch Ärzte und Pflegekräfte betroffen sind sowie Medikamente und Verbandsstoffe nicht mehr verfügbar sind. Jetzt muss sich die theoretische Krisenbewältigung praktisch bewähren. 16 Pläne gibt es dafür in Deutschland.

Als Berater gefordert

Ein „höherer Aufklärungs- und Beratungsbedarf“ bei Patienten. Das war alles, was im Februar in den Hausarztpraxen von SARS-CoV-2 / COVID-19 zu spüren war, berichtet Christian Schmuck, Pressesprecher des Deutschen Hausärzteverbandes. Die Praxen seien vorbereitet. Die Teams fühlten sich über die Homepage des RKI gut informiert. Empfehlenswerte Patienteninformationen liefere die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Der Behandlungsbedarf sei im Rahmen des in Erkältungs-/Grippemonaten Üblichen geblieben. Von steigenden Hausbesuchsanforderungen kann Schmuck nicht berichten (Stand Ende Februar). Sorge äußert der Verbandssprecher allerdings über mögliche Engpässe bei der Schutzausrüstung für Praxen, Kliniken und Heime.

Wie schnell trifft es große Teile der Bevölkerung?

„Die Situation entwickelt sich sehr dynamisch und muss ernst genommen werden“, lautet die Einschätzung des Robert-Koch-Instituts (RKI). Das Virus werde „wie eine schwere Grippewelle durch Deutschland laufen“, meint RKI-Präsident Professor Dr. Lothar H. Wieler. Er erinnert an die Grippewelle 2017/2018 mit rund 25 100 Todesfällen, „die höchste Zahl an Todesfällen in den vergangenen 30 Jahren“.

Der Direktor des Instituts für Virologie an der Berliner Charité, Professor Dr. Christian Drosten, verweist darauf, dass sich die Erkrankung zwar in vielen Fällen nur wie eine Erkältung äußert. Doch er rechnet mit vollen Arztpraxen und Wartebereichen. Im ZDF äußerte der Virologe die Erwartung, dass der Infektionsverlauf hierzulande „schlimm“ werden könne. Die Frage sei, ob es nur einige Wochen dauere, bis 60 bis 70 % der Bevölkerung mit dem Virus Erfahrungen machen oder zwei Jahre. Besonders ältere, vorerkrankte Menschen seien gefährdet, bei einer Infektion Opfer des Virus zu werden. Einen zugelassenen Impfstoff gegen das Virus erwartet der Arzt erst im Sommer 2021.

Dr. Josef Düllings, Präsident des Verbands der Krankenhaus­direktoren, sieht Deutschland auf eine Pandemie ungenügend vorbereitet. In den vergangenen Jahren hätten viele Krankenhäuser Abteilungen geschlossen und Betten reduziert. Damit sei auch die Kapazität für Notsituationen gekappt worden.

Dem widerspricht der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft Georg Baum: Die Kliniken seien „bestmöglich aufgestellt und bereiten sich intensiv auf steigende Infektions- und Patientenzahlen vor“.

Es gibt weitere Unbekannte. Eine davon ist, ob der Bedarf an Testungen bewältigt werden kann. Die medizinischen Labors seien für SARS-CoV-2 gerüstet, aber die Ausdünnung diagnostischer Infrastrukturen durch regulatorische Eingriffe vergangener Jahre wirke sich jetzt aus, so der Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Labor­ärzte, Dr. Andreas Bobrowski.

Auch die Gesundheitsämter werden möglicherweise an ihre Grenzen stoßen. Menschen, die aus Risikogebieten eingereist sind und/oder Kontakt zu Infizierten hatten, sollen zuerst das Gesundheitsamt kontaktieren oder sich beim Hausarzt informieren – sich aber keinesfalls unangekündigt in einer Praxis oder Notaufnahme vorstellen. Fakt ist jedoch, dass Gesundheitsämter zum Teil ärztlich stark unterbesetzt sind. Erkranken noch die verbliebenen Mediziner, ist Hilfe und Koordination hier wohl nicht mehr gegeben.

Auf der Abrechnung auch den ICD-Code U07.1! angeben

Zumindest die bürokratischen Regelungen wurden schnell angepasst. Zur Abklärung eines Infektionsverdachts bei Patienten, die nach RKI-Definition einer Risikogruppe angehören, wurde zum 1. Februar die Nr. 32816 in den EBM aufgenommen. Die Kassen haben die Finanzierung ausgeweiteter Tests zugesagt. Die Vergütung erfolgt extrabudgetär, das Laborbudget wird nicht belastet. Ärzte geben bei Patienten mit dem Coronavirus den ICD-Code „U07.1!“ in ihrer Abrechnung an, um die Diagnose zu spezifizieren, erklärt die KV Hessen.

Zudem hat das BMG per Eilverordnung eine Meldepflicht erlassen. Ärzte müssen dem örtlichen Gesundheitsamt alle Verdachts-, Krankheits- und Todesfälle im Zusammenhang mit SARS-CoV-2 namentlich melden. „Damit Infektionsketten so schnell wie möglich unterbrochen werden können.“ Ob diese weiterhin durchbrochen werden können, bezweifelt aber auch das BMG.

Zudem zeigt sich, wie hohe Patientenzahlen Probleme verursachen können – und wie Lösungen aussehen. So heißt es im Amtsblatt für den Raum Gangelt/Selfkant (NRW): „Da aufgrund der Quarantänemaßnahmen zurzeit einzelne Arztpraxen ... geschlossen sind und die übrigen Arztpraxen sehr stark ausgelastet sind, hat der Kreis in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Roten Kreuz Kreisverband Heinsberg zur Unterstützung der hausärztlichen Versorgung im Raum Gangelt/Selfkant unter anderem eine Zentrale Anlaufstelle zur Probenentnahme eingerichtet.“

Medical-Tribune-Bericht