Teststreifen und Sensoren für Diabetiker boomen auf dem Schwarzmarkt

Verordnungen Autor: Ruth Bahners

Für Sensoren und Blutzucker-Teststreifen hat sich im Online-Handel ein Schwarzmarkt etabliert. © lukszczepanski – stock.adobe.com/iStock/alexsl

Der Schwarzmarkt für Diabetes-Hilfsmittel im Internet boomt. Jetzt tauchen dort auch immer mehr Sensoren auf. Während die Verordnungen die Arznei- und Heilmittelbudgets der Ärzte belasten, können die Schwarzmarkt-Händler ein beachtliches Nebeneinkommen realisieren.

Seit dem Sommer 2017 erstatten die Krankenkassen ihren Versicherten auch Sensoren zur Messung des Blutzuckergehalts. Parallel dazu sind die Verkaufsangebote dieser Hilfsmittel auf Online-Portalen wie eBay sprunghaft gestiegen. Professor Dr. Heiko Burchert vom Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit der Fachhochschule Bielefeld konnte bis Februar 2019 schon 1800 private Anbieter dieser Hilfsmittel allein bei eBay ausmachen.

Ein Verkäufer hat nach Prof. Burcherts Erkenntnissen innerhalb eines Jahres 73 Verkäufe mit durchschnittlich 2,5 Sensoren getätigt. Für einen Sensor würden im Durchschnitt rund 54 Euro erzielt. „Ein schöner Nebenverdienst zulasten von Ärzten und Krankenkassen“, meint der Wissenschaftler. Pro Jahr sollen auf diese Weise rund 26 000 Sensoren allein bei eBay den Besitzer wechseln. Auf dem gesamten Online-Markt werden laut Prof. Burchert mehr als doppelt so viele angeboten.

Woher stammen die Sensoren? Die Hälfte der Verkäufer sollen Diabetiker sein, die einen Teil ihrer Verordnungen weiterverkaufen. Das schließt Prof. Burchert daraus, dass diese Verkäufer regelmäßig dieselbe Marke in geringen Mengen anbieten würde. Einem Diabetiker stehen pro Jahr maximal 26 Sensoren zur Verfügung. Davon zweigen die Cleverles ein paar ab und bieten sie für im Schnitt 54 Euro pro Sensor an.

Wer eine Grundausstattung verkauft, muss wohl Profi sein

Die Bielefelder Wissenschaftler haben aber auch Profis unter den Verkäufern ausgemacht. Prof. Burchert bezeichnet sie als „Powerseller“, da sie täglich mit mehreren Angeboten online seien. Sie würden auch „Starterkits“ mit zwei Sensoren und einem Lesegerät anbieten. Ein Diabetiker erhalte aber nur einmal die Grundausstattung. Aus der großen Menge der Angebote dieser Verkäufer lässt sich schließen, dass es einen beruflichen Zugang zu den Hilfsmitteln geben muss. „Das sind z.B. Außendienst- oder Logistikmitarbeiter von Pharmafirmen, aber auch von diabetologischen Schwerpunktpraxen, Diabetes-Kliniken oder Apotheken“, vermutet Prof. Burchert. Die Spitzenverdiener würden es auf ein Jahreseinkommen von 27 000 Euro allein durch den Verkauf von Sensoren bringen.

Als Käufer kämen Diabetiker infrage, die mit der verordneten Menge Sensoren oder Teststreifen nicht auskommen oder deren Krankenkasse keine Sensoren erstatten. Aber auch Privatpatienten seien eine Zielgruppe. Sie könnten über Einkäufe auf dem Schwarzmarkt versuchen, ihre Beitragsrückerstattungen zu erhalten.

Auch der Schwarzmarkt für Blutzuckerteststreifen boomt weiter. Ihn hat Prof. Burchert seit 2010 im Blick. Pro Jahr sollen allein auf eBay 41,5 Millionen Teststreifen den Besitzer wechseln. Auch hier liege die tatsächliche Zahl aller Verkäufe mindestens doppelt so hoch. Für eine 50er-Packung werden im Durchschnitt bei eBay 18,50 Euro bezahlt. Patienten, die Teststreifen verkaufen, beschaffen sich diese laut Prof. Burchert vor allem durch Doctor- Hopping, was in diesem Fall bedeute, systematisch verschiedene Ärzte aufzusuchen, um sich Teststreifen verordnen zu lassen. Auch die regionale Häufung der Verkäufer deute darauf hin: Die meisten Anbieter kämen aus Nordrhein-Westfalen. „Der nächste Arzt, der eine Verordnung vornehmen kann, ist gleich um die Ecke“, sagt Prof. Burchert.

Den Kassen entsteht dadurch ein spürbarer Schaden

Die Ärzte selbst hätten keine Möglichkeit, das Geschehen zu unterbinden. Gefordert seien die Krankenkassen selbst. „Ihnen entsteht durch den Schwarzmarkt ein jährlicher Schaden von 23,6 Mio. Euro bei den Teststreifen und aktuell 1,6 Mio. Euro bei den Sensoren – mit steigender Tendenz“, so Prof. Burcherts Berechnungen. Und was unternehmen die Kassen dagegen? „Sie lassen das sehenden Auges geschehen.“