Ärzte warnen: Konzerne industrialisieren mit ihren MVZ die ambulante Versorgung

Gesundheitspolitik Autor: Ruth Bahners

Die Versorgung von Dialysepatienten im MVZ scheint lukrativ zu sein. Viele Praxen wurden dafür aufgekauft. © thinkstock und fotolia/Sebastian Gauert

Konzerne und Private-Equity-Gesellschaften dringen auf dem deutschen Gesundheitsmarkt vor. Das führt zur Konzentration von Standorten und Leistungen zulasten der Versorgung in der Fläche. Ein Einfallstor für diese Entwicklung sind Medizinische Versorgungszentren (MVZ), klagen KV-Vertreter.

MVZ würden nur noch selten auf der Basis eines freiwilligen Zusammenschlusses niedergelassener Ärzte entstehen, sondern vielmehr durch den geplanten Aufkauf von Vertragsarztsitzen durch privatwirtschaftlich organisierte Konzerne, lautet eine Warnung in KV- und Kammerkreisen. Laut KBV-Statistik waren von den 2156 MVZ im Jahr 2015 exakt 916 in Krankenhausträgerschaft.

Doch auch hinter MVZ, die von niedergelassenen Ärzten betrieben werden, können sich größere Player verbergen. In Düsseldorf zum Beispiel betreibt der US-amerikanische Dialyse-Konzern DaVita sechs MVZ. Er habe damit nahezu alle nephrologischen Praxen aufgekauft, beklagte Dr. Sabine Marten, Hausärztin aus Düsseldorf, auf der Ärztekammerversammlung in Nord­rhein.

Patienten einer Hausarzt- und Dialysepraxis in Kempen bei Krefeld hätten den Satz "Bitte suchen Sie sich einen neuen Hausarzt" zu hören bekommen, nachdem die Praxis zu DaVita gehörte. Jetzt ist diese ein MVZ, das sich auf die Versorgung von Dia­lysepatienten konzentriert.

US-Konzern betreibt über 30 deutsche Dialyse-Standorte

DaVita ist die Tochter des US-Konzerns "DaVita Kidney Care", der nach eigenen Angaben mehr als 2400 Dialysezentren in zwölf Ländern betreibt; in Deutschland sollen es über 30 Standorte sein. Das selbst gesetzte Ziel des Unternehmens: "Mit Innovationen und der Verbesserung der Nierenversorgung will DaVita die größte Healthcare-Community der Welt aufbauen und damit zum Vorbild für die weltweite Nierenversorgung werden."

Diese Entwicklung ist nicht auf Nord­rhein und DaVita beschränkt. Sogenannte industrielle Anbieter wie Fresenius Medical Care oder B. Braun via medis kaufen immer mehr Praxen auf, erläutert Dr. Michael Daschner, Vorsitzender des Verbandes Deutsche Nierenzentren.

Entwicklung wird öffentlich kaum wahrgenommen

Dr. Daschner befürchtet, dass daraus eine "industrielle Versorgung" entstehen könnte. In den USA seien heute in diesen „industriellen Zentren“ kaum noch Ärzte anwesend, die Versorgung werde im Wesentlichen von Technikern durchgeführt.

Vor einer problematischen, aber öffentlich bislang kaum wahrgenommenen Entwicklung warnt auch die Ärztekammer Nordrhein. Nicht nur im Laborbereich und bei der Dialyse sei die Tendenz zur Konzentration zu erkennen, sondern auch bei der Radiologie und in der Augenheilkunde, berichtet Kammerpräsident Rudolf Henke.

Ein Beispiel aus der Radiologie ist die Aktiengesellschaft "Med 360°" mit Sitz in Leverkusen. Hier hat Dr. Winfried Leßmann, ehemals niedergelassener Radiologe, aus der Praxis seines Vaters einen eigenen medizinischen Konzern aufgebaut. Heute versorgt die Gruppe jährlich rund 600 000 Patienten an 41 Standorten in 23 Städten im Bereich der KV Nordrhein. Das sei jeder fünfte radiologisch und strahlentherapeutisch versorgte Patient in der Region.

Aus dem ehemaligen "Radiologischen Netzwerk Rheinland" wurde Anfang 2016 die „Med 360°“. Aktuell werden medizinische Leistungen neben der Radiologie in acht weiteren Fachgebieten angeboten, z.B. in der Neurologie, Orthopädie, Onkologie und Pneumologie – und das sowohl ambulant als auch stationär.

Vorwurf: Gesetzgeber trägt eine Mitschuld

Nach Auffassung von Dr. Wolfgang-Axel Dryden, Vorstandschef der KV Westfalen-Lippe, wird die Konzentration ambulanter Leistungen in der Hand von Konzernen durch gesetzliche Regelungen gefördert, z.B. durch den Zulassungsverzicht zugunsten einer Anstellung. Dadurch sei es möglich, Zulassungen ohne Ausschreibung in der Art eines Konzessionshandels zu Höchstpreisen weiterzugeben, ohne dass niederlassungswillige Ärzte eine Chance auf die Praxisnachfolge hätten. Instrumente der Bedarfsplanung und Versorgungssteuerung der KVen würden auf diese Weise ausgehebelt. "Der Sitz geht einfach weg, ohne dass sich niederlassungswillige Kollegen überhaupt bewerben können", meint auch Dr. Carsten König, Vorstand der KV Nordrhein.

Inzwischen gehört der Gruppe auch ein Krankenhaus, das ehemalige Themistocles Gluck Hospital in Ratingen. Mit der Akquise dieses Krankenhauses will sich die Gruppe, so der Vorstandsvorsitzende Dr. Leßmann, in die Lage versetzen, MVZ auch in anderen KV-Regionen zu gründen. Denn seit 2012 dürfen nur noch Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte Gründungen vornehmen. Zielvorgabe sei es, bis zum Jahr 2020 den aktuellen Jahresumsatz der Gruppe auf rund 200 Mio. Euro zu verdoppeln.

Während Dr. Leßmann in den Großunternehmen nur Vorteile wie etwa das Entlasten der Ärzte von bürokratischen Aufgaben sieht, sind niedergelassene Kollegen eher skeptisch. Im Zuge der fortschreitenden Konzentration gebe es inzwischen Regionen ohne radiologische Praxen, weil Sitze aufgekauft und an lukrativere Standorte verlegt worden seien, erzählt Barbara vom Stein, Hausärztin aus Burscheid.

Der Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, Dr. Max Kaplan, betrachtet das Engagement von renditeorientierten Kapitalgesellschaften bei medizinischen Einrichtungen ebenfalls skeptisch. Die Gefahr sei, "dass beim Einstieg von Fremdkapitalgebern die Gewinninteressen gegenüber den medizinischen Anforderungen in den Vordergrund treten".

Ein weiteres Problem: Für junge Ärzte wird es in betroffenen Regio­nen schwerer oder gar unmöglich, sich in eigener Praxis niederzulassen. Etliche MVZ seien inzwischen so groß und umfangreich, dass sie auch ihrem Wert nach die Investitionsfähigkeit von niedergelassenen Ärzten bei Weitem übersteigen, sagt Dr. Wolfgang-Axel Dryden, Vorsitzender der KV Westfalen-Lippe.

Nur unterdurchschnittlicher Beitrag zur Versorgung

"Die steigen mit solchen Summen ein, dass Ärzte keine Chance haben", klagt Dr. Frank Bergmann, Vorstandsvorsitzender der KV Nord­rhein. Nach Auffassung von Dr. Bergmann tragen MVZ zudem nur unterdurchschnittlich zur Versorgung bei, was den Leistungsbedarf je Arzt betrifft. Die Arbeitsverdichtung sei in MVZ deutlich geringer als in inhabergeführten Praxen.

Beispiel Augenheilkunde

Die Ober-Scharrer-Gruppe (OSG) ist ein Beispiel aus der Augenheilkunde. 2011 stieg die schottische Private-Equity-Gesellschaft Palamon Capital Partners (PCP) in das 1982 gegründete Unternehmen mit Sitz in Fürth ein. Die OSG betreibt an 21 Standorten in Deutschland Zentren vor allem für die operative Augenheilkunde. Für die PCP sei diese Investition lukrativ, da die Augenheilkunde ein Nischenmarkt mit stabilem Wachstum von fünf bis sieben Prozent sei, heißt es auf der Internetseite von PCP.

In Thüringen sei beispielsweise mehr als die Hälfte der Neurologen in MVZ tätig. Da hier der einzelne Arzt geringere Fallzahlen als in vergleichbaren Praxen betreue, senke das den Fachgruppendurchschnitt zum Nachteil der niedergelassenen Kollegen.

Die MVZ könnten auch wesentlich flexibler mit der Aufteilung von Sitzen umgehen, als das eine Praxis könne, erklärt Dr. Bergmann. "Das hat dann Einfluss auf Arzneimittelprüfungen und Regresse."

Um eine unkontrollierte Kartellbildung zu verhindern, solle der Gesetzgeber eine Obergrenze für die Arztsitze in einem MVZ im Sozialgesetzbuch V definieren. Das fordern unisono die Ärztekammer Nordrhein zusammen mit dem Vorstand der KV in Düsseldorf wie auch die Freie Allianz der Länder-KVen (FALK). Der Verkauf von Zulassungen im Sinne eines Konzessionshandels sollte beendet werden.

Quelle: Medical-Tribune-Recherche