Besser eine digitale Hebamme als gar keine

Kolumnen Autor: Erich Kögler

Den wichtigen persönlichen Kontakt können Telefon und Computer nicht ersetzen © Fotolia/mmphoto

Online- und Telefonangebote sollen dem Hebammen-Mangel entgegenwirken – in unserer aktuellen Meinungskolumne "Mit spitzer Feder".

Geburten ohne freie Hebammen? Vor ein paar Jahren wurde die Versicherung für Geburtshelferinnen so teuer, dass viele den Job schmissen. Heute ist die Lage noch trostloser. Ohne Versicherung dürfen Hebammen nicht arbeiten. 2004 kostete ihre obligatorische Berufshaftpflicht noch rund 1350 Euro, heute ist es das Vierfache – obwohl die Zahl der Kunstfehler bei Hebammen nicht gestiegen ist. Dass die Summe trotzdem so hoch liegt, ist kalte Versicherungslogik: Geburtsgeschädigte Kinder leben heute durch den medizinischen Fortschritt länger, was aber für die Versicherer die Kosten erhöht. Zudem sprechen Gerichte den Familien höhere Entschädigungen zu.

Zur Folge hat diese Entwicklung einen akuten Hebammenmangel. Wer sich nicht bereits kurz nach einem positiven Schwangerschaftstest um eine Hebamme kümmert, steht Monate später nicht selten mit Kind, aber ohne Hebamme da. Dabei ist die Unterstützung durch die Geburtshelferinnen gerade für Erstgebärende eine wertvolle Hilfe, auf die Frauen in Deutschland auch ein Recht haben.

Die „Kinderheldin“ ist seit einem Jahr auf dem Markt

Inzwischen gibt es auch für diese Problemstellung passende Online-Angebote. Die „Kinderheldin“ etwa ist seit rund einem Jahr auf dem Markt und bietet Telefon- und Online-Beratung für Schwangere und Mütter an. Derzeit muss diese Dienstleistung privat bezahlt werden, doch die Gründer möchten mit ihrem Start-up in die gesetzliche Krankenversicherung. Pilotversuche mit ersten kooperierenden Kliniken gibt es bereits.

Eine zweite Plattform mit ähnlicher Ausrichtung nennt sich „call a midwife“. Vor zwei Jahren von einer Hebamme gegründet, arbeiten hier inzwischen 25 Hebammen aus ganz Deutschland, unterstützt von einem Beirat aus Ärzten, Psychologen und Anwälten. Auch dieses Unternehmen ist in Gesprächen mit Krankenkassen, damit seine Leistungen künftig übernommen werden oder zumindest eine Zuzahlung gewährt wird.

Der Deutsche Hebammen-Verband sieht solche digitalen Angebote derzeit eher kritisch und ringt daher auch noch um eine aussagekräftige Position in der Sache. Grundsätzlich befürworte man telemedizinische Leistungen und biete diese zum Teil auch schon selbst an, aber es sei höchst ungewiss, wo die Reise des Berufsstands angesichts derartiger Portale hingehe.

Fazit aus meiner Sicht: Besser eine Online-Hebamme als gar keine, doch ausschließlich digital lassen sich Schwangere und frischgebackene Mütter auch in Zukunft gewiss nicht versorgen. Fürs Abtas­ten des Bauchs braucht man die Hände einer kundigen Geburtshelferin „vor Ort“. Und in den ersten beiden Wochen nach der Geburt benötigen die Frauen eine Hebamme, die zu ihnen nach Hause kommt. Diesen wichtigen persönlichen Kontakt können Telefon und Computer nicht ersetzen.