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Coronaitis – Menschen werden krank vor Angst

Kolumnen Autor: Dr. Günter Gerhardt

Die aufgeheizte Berichterstattung und der Wahlkampfmodus der Politik schüren Ängste in der Bevölkerung. Die aufgeheizte Berichterstattung und der Wahlkampfmodus der Politik schüren Ängste in der Bevölkerung. © denisismagilov – stock.adobe.com
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Unser Kolumnist fordert verantwortungsvolle Kommunikation von Politik und Medien in der Pandemie, damit Menschen nicht von ihren Ängsten in die Arme der Querdenker getrieben werden.

Dieser Tage brachte es eine Patientin auf den Punkt. Ich fragte sie, was ich für sie tun kann. „Corona macht mir Angst!“, lautete ihre Antwort. „Diese Angst begleitet mich Tag und Nacht, ich schlafe schlechter, bin gereizt, kann mich schlecht konzentrieren, mal habe ich Kopf-, dann Bauchschmerzen, streite mich mit meinem Mann, meinen Kindern, meinen Arbeitskolleginnen. Kurz: Es geht mir von Tag zu Tag schlechter.“ 

Die Frage, ob sie denn schon etwas dagegen unternommen habe, beantwortete sie mit: „Ja, abends ein Glas Wein und die Beruhigungstabletten meiner Schwiegermutter, das hilft.“ Ihre Schwiegermutter nimmt Diazepam. 

Dann berichtete sie von Panik­attacken während einer (Corona-) Nachrichtensendung im TV, woraufhin sie keine Nachrichten mehr geschaut, gehört oder gelesen habe. Dadurch wurde ihre Angst aber noch größer. Denn die Informationen, die sie beim Frisör, beim Einkaufen etc. zwangsläufig hören musste, waren noch viel schrecklicher und versetzten sie erst recht in Panik. Gut und beruhigend fand sie dagegen das ARD-Gespräch zwischen Anne Will und Kanzlerin Dr. Angela Merkel. Das in den Tagen darauffolgende Bund-Länder-Bashing quittiert sie mittlerweile lachend mit den Worten: „Die sind ja alle im Wahlkampf.“ Die Reaktion von wartenden Patienten ging übrigens klar in Richtung der Bundeskanzlerin. Gerade Kranke halten überhaupt nichts von diesem „Auf und Zu“ im Umgang mit der Pandemie. 

Zurück zu meiner Patientin: Ihr Krankheitsbild erfüllt alle Kriterien eines Angstsyndroms mit Panikattacken. Sie wird entsprechend behandelt mit einem Medikament und Gesprächen, in deren Verlauf wir versuchen, Aussagen/Meinungen von Politiker*innen einzuordnen.  

Im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen konnte ich den Eindruck gewinnen, dass solche und ähnliche Fälle wohl häufiger vorkommen. „Vielleicht müsste ich öfter mal nachfragen“, meinte ein Kollege, der sich wundert, dass die Zahl der Patient*innen mit funktionellen Beschwerden so drastisch zugenommen hat. 

Dass die seit einem Jahr bestehende Coronapandemie mit ihren Auswirkungen auf sämtliche Bereiche des Lebens nicht spurlos an uns vor­übergeht, wundert nicht. Aber muss es denn wirklich sein, dass auf die für sich alleine schon schrecklichen Nachrichten noch unnötige Kommentare draufgesattelt werden, die wegen ihrer teilweisen Widersprüchlichkeit die Angst noch verstärken? Ist uns bewusst, dass hier ein ganz neues Krankheitsbild entsteht – die Coronaitis? 

Keine Frage, zu unserer ärztlichen Aufgabe gehört es auch, die immer häufiger auftauchenden Fragen rund um das Thema Corona zu beantworten. Wenn wir aber zusätzlich noch die Kakophonie, die von einigen Medien und einigen Politiker*innen produziert wird, aus dem Weg räumen müssen, bekommen gerade wir Hausärzt*innen ein großes Zeit- und natürlich auch Wirtschaftlichkeitsproblem. Meines Erachtens bedarf es hier dringend einer Unterstützung von den etablierten und auch neuen Medien. Sie sollten den Mechanismus der auf Klickzahlen zielenden Berichterstattung dringend überdenken. 

Aber genauso brauchen wir auch Unterstützung von der Politik. Sie könnte sich zum Beispiel überlegen,  in einer sich zuspitzenden Coronasituation auf Wahlen zu verzichten. So hat das vor Kurzem der Astrophysiker Professor Dr. Harald Lesch bei Maybrit Illner im ZDF formuliert. 

Oder vielleicht sollten die Politiker*innen zumindest auf den üblichen Wahlkampf verzichten. Also auf einen, in dem zugespitzt wird, um sich abzugrenzen, und Zugeständnisse gemacht werden, um sich anzubiedern. 

Läuft nämlich die gerade stattfindende Entwicklung einfach weiter, wird sich nicht nur das Krankheitsbild Coronaitis mit der bekannten exponentiellen Geschwindigkeit ausbreiten, sondern auch ein größerer Anteil der Patient*innen mit Coronaitis wird das Heil womöglich bei bei Querdenker*innen und ähnlich extremistischen Gruppierungen/ Parteien suchen. Weil wir es nicht verhindern.

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