Coronapandemie Droht der MFA-Exodus wegen hoher Arbeitsbelastung und fehlender Anerkennung?

Gesundheitspolitik Autor: Anouschka Wasner

Studienergebnisse belegen, wie stark MFA in den Praxen während der Pandemie Stress ausgesetzt sind. (Agenturfoto) Studienergebnisse belegen, wie stark MFA in den Praxen während der Pandemie Stress ausgesetzt sind. (Agenturfoto) © iStock/dusanpetkovic
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Die Coronapandemie belastet Beschäftigte im Gesundheitswesen in besonderer Weise. Erste Ergebnisse einer Studie, die das Pandemie-Management in der hausärztlichen Praxis beleuchtet, zeigen die deutliche Arbeitsüberlastung von MFA.

Neben den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten leisten Medizinische Fachangestellte einen großen, aber leider trotzdem oft wenig beachteten Beitrag zur Versorgung. Um u.a. diese Leistungen sichtbar zu machen, haben Forschende der Abteilung für Allgemeinmedizin der Ruhr-Universität Bochum MFA zu ihren Erfahrungen während der vergangenen Coronamonate befragt.

Die Ergebnisse der qualitativen Befragung seien so alarmierend, dass man mit einer ersten Veröffentlichung nicht bis zur Fertigstellung der Untersuchung warten könne, sagt jetzt Prof. Dr. Horst ­Christian Vollmar von der Abteilung für Allgemeinmedizin der Ruhr-Universiät Bochum. Viele MFA seien über die Monate der Coronapandemie an ihrem Limit angelangt. Dabei würden diese ers­ten Ergebnisse der Untersuchung PIPER ja sogar nur den Stand aus dem Sommer wiedergeben. „Da hatten viele schon den Eindruck, es sei vorbei.“ Seitdem habe sich die Siuation in den Praxen weiter deutlich verschärft und eine Entspannung sei nicht in Sicht, unterstreicht Prof. Vollmar die gewachsene Not.

Arbeitspensum führt zu längeren Arbeitszeiten

Die Probleme, die sich in den ersten Auswertungen der Interviews mit den MFA spiegeln, seien vor allem auf Mehrarbeit und auf ungehaltene Patientinnen und Patienten zurückzuführen, z.B. wenn auf die Einhaltung von Hygienemaßnahmen gedrängt werden muss. Zusätzlich zum alltäglichen Arbeitsablauf erhöhte sich in der Pandemie das Telefonaufkommen und die Impfungen mussten organisiert und durchgeführt werden. Was die MFA nicht während der Arbeitszeit bewältigen konnten, mussten sie am Abend oder an den Wochenenden nachholen.

Eine Herausforderung stellen auch die hohen Erwartungen der Patientinnen und Patienten dar, wie Projektleiterin Prof. Dr. Ina Otte verdeutlicht: „Insbesondere während der Phase knapper Impfstoffvorräte mussten sie mit dem Unmut der Patientinnen und Patienten umgehen.“

Doch im Gegensatz zu den Pflegekräften erhalten MFA bislang nur dann eine finanzielle Entschädigung, wenn diese von Seiten des Arbeitgebers kommt. Darüber hinaus gab es bislang noch keinen öffentlichkeitswirksamen Dank, wie das Zitat einer MFA aus der Studie verdeutlicht: „Krankenhaus, Altenpflege wurden ja ganz viel hervorgestochen. Und dann habe ich immer gesagt: Ja, und wo sind wir? Die MFA aus den Praxen werden irgendwie gar nicht erwähnt.“

Eine nennenswerte Zahl der insgesamt 21 zwischen 26 und 61 Jahre alten MFA mit im Schnitt 22 Jahren Berufserfahrung denkt daran, dem Beruf den Rücken zu kehren. Diese Überlegungen gehen so weit, dass sie sogar ihren Töchtern von diesem Beruf abraten.

Die vollständigen Ergebnisse des PIPER-Projektes sollen erst in einigen Monaten veröffentlicht werden. „Wir müssen aber jetzt den Finger in die Wunde legen“, erklärt Prof. Vollmar, warum das Team schon jetzt an die Öffentlichkeit geht. „Wird jetzt nicht gehandelt, so wird es in ein paar Monaten einfach keine MFA mehr in den Praxen geben.“

Der Verband der medizinischen Fachberufe setzt sich schon lange für die gesellschaftliche und finanzielle Würdigung der Leistungen der MFA ein, zuletzt in einem Brandbrief an die Gesundheitsministerkonferenz. Die Präsidentin des Verbandes ­Hannelore König bemängelt, dass es bislang einen Corona-Sonderbonus im Gesundheitswesen nur für die Pflege gab. Dieses Aufspalten der Angehörigen der Gesundheitsberufe müsse ein Ende haben. Man fordere einen Sonderbonus für alle im niedergelassenen Bereich tätigen MFA aus staatlichen Mitteln analog den Beschäftigten in den Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Alternativ forderte der Verband einen Zuschlag von 15 Euro pro Impfung für die Leistungen der MFA, der an die Angestellten im Praxisteam weiterzugeben ist. Eine Honorarerhöhung von 8 bzw. 16 Euro gibt es mittlerweile – ob diese an die MFA weitergegeben wird, obliegt allerdings den Arbeitgebenden – eine gesellschaftliche Anerkennung ist das noch nicht.

Tägliche Konfrontation mit unzufriedenen Patienten

Auch die Gesundheitsminister der Länder sowie die KVen fordern mehr Beachtung der Leistungen von MFA. Dr. Dirk Spelmeyer, Vorstandsvorsitzender der KV Westfalen-Lippe, unterstrich etwa kürzlich, MFA würden die Praxen in einer Zeit am Laufen halten, in der sich die gesetzlichen Vorgaben nahezu wöchentlich ändern. Sie seien dabei täglich „der Kritik und den Vorwürfen von unzufriedenen Patientinnen und Patienten ausgesetzt, weil die Telefonleitung besetzt ist oder es keinen Wunsch-Coronatest gibt“.

Verbandschefin König bestätigt, dass das Verhalten gegenüber den Mitarbeitenden in den Praxen immer fordernder und aggressiver wird. Die MFA seien aber „keine Maschinen, neue Regeln können nicht auf Knopfdruck umgesetzt werden“. Auch Lieferengpässe bei den Impfstoffen lägen nun mal nicht in ihrer Verantwortung. „Dass Patientinnen und Patienten ihren Frust an meinen Kolleginnen und Kollegen auslassen, sorgt dafür, dass die ohnehin hohe psychische Belastung noch zusätzlich verstärkt wird. Viele Medizinische Fachangestellte sind mittlerweile am Limit.“

Der Virchowbund sieht die Niedergelassenen auf einen Fachkräftemangel in den Praxen zusteuern. Rund 430.000 MFA seien derzeit in den rund 100.000 Arztpraxen angestellt, knapp die Hälfte davon in Teilzeit. Die Zahl stagniere – die Anforderungen an die Praxen und der Bedarf an qualifiziertem Fachpersonal dagegen nehme ständig zu.

Offiziell spreche man noch nicht von einem Fachkräftemangel. Das läge aber daran, dass für einen Mangel u.a. die Wiederbesetzungsdauer von Stellen als Indikator herangezogen werde. Da sich Arztpraxen aber keine langen Vakanzen erlauben können, weil die Funktionsfähigkeit der Praxis schnell auf dem Spiel steht, schlägt der faktische Mangel schon lange vor einem offiziellen zu Buche.

Inzwischen würden MFA immer öfter von Kliniken, Pflegeeinrichtungen oder Krankenkassen mit besseren Verdienstmöglichkeiten abgeworben. „Die unterschiedliche Refinanzierungssystematik in Klinik und Praxis führt zu einer Wettbewerbsverzerrung zulasten der Praxisärzte und wird diese personell auf lange Sicht ausbluten“, befürchtet Dr. Dirk Heinrich, Bundesvorsitzender des Virchowbundes.

Die Vorgaben für die Honorarverhandlungen für Vertragsärzte müssten so angepasst werden, dass Tarifsteigerungen unmittelbar einfließen. Außerdem schlage man eine konzertierte Aktion der Kammern, KVen und Berufsverbände vor, die neben einer attraktiven Bezahlung auch die Wertschätzung der Mitarbeitenden sowie eine Aus- und Weiterbildungsoffensive zum Inhalt hat. Man müsse jetzt Ansehen, Wertschätzung, Qualifizierung und Bezahlung bei MFA stützen. „Sonst gehen in den Praxen irgendwann die Lichter aus und die unmittelbare wohnortnahe Versorgung ist am Ende“, so der Bundesvorsitzende des Virchowbundes.

Medical-Tribune-Bericht

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